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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das. Diesmal lief „Wilde Maus“.

Zwei Musikkritiker*innen laufen fünf Minuten lang durch die Redaktion. Kein Schnitt. Die Kamera filmt den walk-and-talk in bester Sorkin-Tradition von vorne. Fünf Minuten lang unterbricht niemand diesen Dialog über Musikrezeption, die von der 5. Symphonie von Bruckner über die White Stripes zu Jack White verläuft. Das hat sich seit Tarantino keiner mehr getraut. Und damit fängt „Wilde Maus“ erst an.

Die Story

Dr. Georg Händel (Josef Hader – Regie: Josef Hader – Buch: Josef Hader), Misanthrop und Musikkritiker der fiktiven Wiener Gazette „Express“, wird gefeuert. Er plant die Rache an seinem Chef (Jörg Hartmann). Seine Frau Johanna (Pia Hierzegger) will mit ihm ein Kind. Mit einem Kompagnon (Georg Friedrich) übernimmt er ein Fahrgeschäft, Wilde Maus, im Wiener Prater, der die eigentliche Hauptrolle spielt.

Und wie finden wir das?

Geil. Bildaufnahmen, Dialoge, Weltschmerz. Endlich habe ich Österreich verstanden. Und den Jahrmarkt als solches. Bisher war mir schleierhaft, was daran toll sein soll, jetzt plane ich meinen ersten Full-Ride-Vergnügungsparkaufenthalt.
Also: Es geht im Leben darum, den unglaublich geilen Himmel anzugucken wie nach einer durchgemachten Nacht auf einer Dorf-Kirmes, vorzugsweise auf dem Dach eines Achterbahnriesenrades im Prater über den Dächern von Wien. Mega Himmel! Sitzen Figuren im Auto und gucken nicht in den Himmel, regnet es meistens.
Den Soundtrack (wir befinden uns im Leben eines ehemaligen Mitstreiters des arrivierten Feuilletons) kann man als Zwischenüberschriften des unaufhaltsamen Abstiegs eines Kritikers lesen.
Händels La Folia (Die Dummheit) bei Regen: Er brüllt in ein Auto. Beethovens Eroica (die heldenhafte Sinfonie) noch mehr Regen: der Klassiker Auto-Lack mit dem Schlüssel zerkratzen. Händels Messias bei noch mehr Regen versteht sich: mit dem neuerstandenen Klappmesser mit patriotischem Hirschhorngriff das Cabrio-Cover aufschlitzen. Der hat ein tolles Sounddesign. Dr. Georg Händel geht in den Prater, haut auf den Lukas und fährt Fahrgeschäft. Im Hintergrund läuft Tod und Mädchen, Schubert. Eine Rezension zu Schieles Tod und Mädchen findet ihr hier: Egon Schiele – Der Tod und das Mädchen
.

Figurenkonstellation wie in Schnitzlers Reigen. Einen Maskenball gibt es auch. Die Prateraufnahmen lassen Orson Welles‘ Der dritte Mann, in modernem Bonbonbunt wiederaufleben. Wien as Wien can.
Keiner hört Wanda.

Schlechtester Dialog

Lass mich ausreden.“ „Wer bist du, dass du mein Leben zerstörst?“ Ein bisschen romantische Komödie ist es doch. Zu Stravinskys Feuervogel betritt ein neuer Szenen-Klassiker den Kanon der romantischen Komödie: Beziehungsgespräch im stehenden Auto, das Rückstau in die Innenstadt auslöst.

Reaktionen aus dem Publikum

Publikum wird mehr seit der Verlegung der Sneak auf halb elf, gloob ick.
Nachdem das Ursprungsland des Filmes eingeblendet wird (Österreich!): multiples „Oh ja“ im Publikum. Deutliche „Wows“, Lacher. Gruseln. Mehr Lacher gehen in Johlen über. Zweimal Applaus, einmal vor dem Abspann, noch lauter nach dem Abspann. (Frag mich nicht wieso. Vermutlich, weil er mit einem klassischen Konzert unterlegt war. Danach klatscht man ja. Und mit Dr. Georg Händel sind wir jetzt irgendwie alle zu klassischen Musik-Fans geworden.)

Äh, und der Bechdel-Test?

Nein. Gibt keine Szenen in der zwei Frauen miteinander reden.

Fazit

Könnte zum Kultfilmklassiker werden oder ein Revival für klassische Musik auslösen oder den Geheimtipp-Status von Wien beenden oder den Jahresumsatz der Jahrmarktindustrie verdoppeln → reingehen.

Bild: Filmstarts.de