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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Jemand klingelt am Hauseingang. Im Glauben es sei ihr Mann, öffnet Rana die Wohnungstür. Daraufhin verschwindet sie wieder im Bad. Die Kamera hält auf die geöffnete Tür. Langsam schwingt sie weiter auf. Kein Mensch erscheint, kein Ton ist zu hören. Die Situation wirkt bedrohlich. Der Zuschauer ahnt: Gleich klatscht es, aber keinen Beifall.

Die Story

Schauplatz des Geschehens ist Teheran. Emad (Shahab Hosseini) und seine Frau Rana (Taraneh Alidoosti), beide Theaterschaupieler, müssen wegen akuter Einsturzgefahr ihres Wohnhauses eine neue Bleibe finden. Glücklicherweise bietet ein Bekannter ihnen ein leerstehendes Appartement an. Mit dem Einzug in die neue Wohnung scheint das Unglück jedoch seinen Lauf zu nehmen: Eines Abends wird Rana überfallen und schwer verletzt zurückgelassen. Zufall, Verwechslung oder böse Absicht im Schatten der mysteriösen Vormieterin? Statt Anzeige bei der Polizei zu erstatten, macht sich Emad nun selbst auf die Suche nach dem Täter – ein Konflikt zwischen Moral und Selbstjustiz.

Und wie finden wir das?

Wer nun auf eine Verfolgungsjagd im Stil des klassischen Thrillers hofft, muss an dieser Stelle enttäuscht werden. Vielmehr gelingt es Regisseur Asghar Farhadi auf eindrucksvolle Art, den Handlungsablauf selbst in den Hintergrund zu rücken und stattdessen den Fokus auf die gesellschaftspolitischen Verstrickungen des heutigen Iran zu richten. Die junge intellektuelle Generation wird mit patriarchalischen Wertvorstellungen konfrontiert, ist gleichzeitig aber selbst noch tief mit den Konventionen verwurzelt. So propagiert der Film kein simples Gut-gegen-Böse, sondern reflektiert mit ruhiger Hand die Komplexität von Rache, Moral, Schuld und Vergebung.

Politisch wird’s dabei auch: Das Misstrauen gegenüber Staatsorganen kommt ebenso zur Sprache wie staatliche Zäsur, symbolisch am Beispiel des Theaters veranschaulicht. Überhaupt, das Theater: Die Idee dahinter, dass es metaphorisch in seiner Tragik parallel zum Leben der Protagonisten läuft, ist vielleicht ganz nett gemeint. Dennoch ziehen einige Szenen den Film unnötigerweise in die Länge. Lückenfüller, wo eigentlich keine Lücken sind.

Fun fact am Rande: Im Film handelt es sich bei dem Theaterstück um „Death of a Salesman“ von Arthur Miller, in dem unter anderem der „American Dream“ kritisiert wird. Ironischerweise hat sich auch für den Regisseur Farhadi der Traum einer USA-Reise dank unseres Lieblings (nicht) Donald Trump ausgeträumt. Als Iraner darf er formal nicht zu den Oscars. Aber weil er weiß, was sich gehört, boykottiert er diese eh. Deal with it, Donald!

Schlechtester Dialog

Nachdem eine fremde Frau im Taxi darauf besteht, sich von Emad wegzusetzen, erklärt dieser einem Schüler:

„Du kannst davon ausgehen, dass irgendjemand sie irgendwann mal im Taxi belästigt hat. Mach‘ dir keine Sorgen, das geht auch vorüber.“

Ok.

Reaktionen aus dem Publikum

Stille. Als die Lichter mit Abspann des Films wieder angehen, verweilen einige Menschen nachdenklich im Sessel. Viel zu lachen gibt es nicht. Doch Moment mal – auch dieser Film gönnt uns kleine Lichtblicke. So sorgen eine süße getigerte Babykatze oder ein süßer kleiner Junge, der eine süße Schnute zieht, zumindest kurzzeitig für erheitertes Aufjuchzen im Publikum.

Äh, und der Bechdel-Test?

Fehlanzeige. Frauen sprechen kaum miteinander, Männer bestimmen ganz eindeutig sowohl Dialoge als auch Handlung und Szenenbilder. Ob dies sinnvoll oder beabsichtigt ist, um aufgrund der Thematik ein bestimmtes Frauenbild in Nahost zu assoziieren, sei dahingestellt.

Fazit

Ein stiller Film, der dank starker Charaktere und Abstinenz kitschig-pathetischer Handlungsstränge mitreißt und den Zuschauer doch nachdenklich zurücklässt.

Nele Krøger

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