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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Musikfernsehen ist tot, es leben die Musikdokumentationen! »Shut up and play the Piano«, der Film über den musikalischen Tausendsassa Chilly Gonzales ist wie ein herrlich absurdes Dauer-Musikvideo.

Körniges Bild, semiprofessionelle Interviewsituation: »Is there a message to your fans?«. Ein großer Mann mit schmieriger Tolle und rosa Anzug beugt sich vor und erklärt eindringlich in die Kamera hinein, warum man ihn doch lieber hassen als lieben sollte. »Come on! Why is he even on your screen? Why are you even looking at this guy?«. Der »guy« ist Chilly Gonzales und ich werde ihn die nächsten 88 Minuten in aller Ausführlichkeit angucken.

Philipp Jedicke, Deutschland/Großbritannien, 2018, 88 Min.

Die Story

Die Story ist sein Leben. Das Leben des Kanadiers Jason Beck, der in einer erfolgsgeilen Familie aufwächst, Klavier spielt seit er 14 ist und sich ein Leben lang mit seinem Bruder (dem Filmkomponisten Christoph Beck) in einem musikalischen Kampf der Giganten misst. Als schnelldenkender Allrounder ist ihm das Jazz-Piano-Studium nicht genug und er landet natürlich in Berlin, wo dann alles ganz flott geht und er zu Chilly Gonzales wird. Und das, obwohl er sich genauso gerne als Pariser Chansonnier, Stand-Up-Comedian, Konzert-Pianist sieht. Aber den Bühnen- und Ich-Entwürfen sind hier keine Grenzen gesetzt.

Mit seinem Erstlingswerk hat der Journalist Philipp Jedicke ein vielseitiges, kreischendes, absurdes Portrait geschaffen, das aus wackeligen Mitschnitten aus Kreuzberger Kellerlöchern, Symphoniekonzerten, Familienfotos und Slapstick-Einlagen besteht. Drei Jahre lang hat er den Musiker begleitet und seine absurde Entdeckungsreise freundlicherweise mit uns geteilt.

Und, wie finden wir das?

Ich liebe den Wahnsinn sehr. Als gleich im zweiten Bild der 47-jährige »Gonzo« mit Seidenschal und Plautze der zarten Sibylle Berg gegenüber sitzt und sie ihn in höchstgradig katastrophalem Englisch interviewt, denke ich noch, es handle sich um eine Mockumentary und ich könne dem Gesagten nicht trauen. Als dann aber treue Weggefährten wie Peaches, Jarvis Cocker und die wunderbare Leslie Feist erscheinen, eigenes Videomaterial beisteuern und in Unterhosen rappend durch Wohnzimmer tanzen, jauchze ich nur noch in mich hinein bei jedem Hinweis auf ein vergangenes wildes Berlin und verspielt-anarchische Text-Kompositionen. Wie in Chillys Werk selbst lösen sich in der Dokumentation über ihn alle Grenzen auf. Warum sich beschränken auf Pop, Rap, Jazz, Klassik? Auf Biopic, Collage, Performance-Kunst, Puppentheater? Beide Künstler teilen ihre Fantasien mit uns, Gonzales auf der Bühne, Jedicke on screen.

Schlechtester Dialog

Quelle liebt Trash. Deshalb ist das hier alles brillianter Unfug. Ungeschlagen ist hier die Bundespressekonferenz, in der sich Gonzales umringt von seinem damaligen Label zum Präsidenten des Berliner Untergrunds ernennt. Gefragt, wie denn seine Beziehung zur mitgebrachten Handpuppe aussähe, schreit er im Rausrennen nur immer wieder: »Why are you trying to burst the illusion?«

Reaktionen aus dem Publikum

Der Saal scheint sich zu amüsieren, keiner geht, keiner schläft. Nur meine Begleitung raunt mir nach der Hälfte des Films ins Ohr: »Der hat so eklige Zähne, ey!«

Äh, und der Bechdel-Test?

Wendet man den bei Dokumentationen an? Egal, mit Feist und Peaches haben wir hier großartigste, emanzipierte Künstlerinnen auf der Couch sitzen, die (dem Umstand geschuldet, dass es sich um einen Film über ihn handelt) natürlich viel über Gonzales sprechen, aber keine Sekunde in seinem Schatten stehen.

Fazit

Von so viel Krawall, Größenwahnsinn und Experimentierungswut kann man sich natürlich genauso gut abgestoßen fühlen. Spannend ist der Film auf jeden Fall für Musikliebhaber, Clubkultur-Nostalgiker und natürlich Chilly-Gonzales-Fans. Obwohl man an den wahrhaftigen Jason trotz vielschichtiger Blickwinkel nicht rankommt. Zu sehr liebt er das Spiel mit den Journalisten und den Bühnenfiguren. Dann setzt er sich doch lieber wieder nur ans Piano und hält die Backen.

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