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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Nach seiner letzten experimentellen Filmregie in »Victoria«, nimmt uns Regisseur Sebastian Schipper in dieser deutsch-französischen Koproduktion mit auf einen Roadtrip von den Stränden Marokkos bis ins Herz Frankreichs.

Das Hasch brutzelt in Alufolie auf dem Campingkocher, im gesamten Wohnmobil hängt der entstehende Rauch. Die zwei Weggefährten und die spontan kennengelernten Mädchen grinsen breit und wiegen sich langsam im Takt der Musik. Morgen geht es wieder auf die Straße.

»Roads«/ Sebastian Schipper/ 2018/ Deutschland, Frankreich/  99 Minuten

Die Story

William (Stéphane Bak), der kongolesische Geflüchtete, sucht seinen irgendwo in Nordfrankreich verschollenen Bruder. Gyllen (Fionn Whitehead) will vor seiner Mutter und dem Stiefvater zu seinem Vater, ebenfalls in Nordfrankreich, fliehen. Dazu klaute er seinem Stiefvater ein Wohnmobil. In diesem lassen sie sich vom kriminell-veranlagten Hippie Luttger (Moritz Bleibtreu) über die marokkanisch-spanische Grenze schmuggeln. Dann geht’s schon los, auch mal per E-Bike und Motorrad. Dass dabei nicht alles reibungslos läuft, sollte niemanden überraschen.

Und, wie finden wir das?

Überwiegend überzeugend. »Roads« beeindruckt zunächst mit einer ausgewogenen Mischung aus Humor und einer greifbaren Intensität, wie wenn sich William im winzigen Campingklo versteckt. Im Verlaufe des Films ändert sich das aber. Nicht nur die Bilder werden dunkler, allgemein verliert sich die Leichtigkeit, die vorher trotz allem vorherrschend war. Zunehmend dramatischer wird es, mitunter auch abgründig, und vor allem politisch, wenn die Protagonisten und damit auch die Zuschauer die Arbeit von Flüchtlingshelfern begleiten. Es wird aber keine offensive Botschaft präsentiert, stattdessen zeigt der Film nur, wie es scheinbar vor Ort abläuft.

Unbedingt zu erwähnen ist noch der geniale Soundtrack der deutschen Indie-Legenden »The Notwist«, welcher den Film oftmals mit einer wunderbaren Melancholie würzt.

Schlechtester Dialog

Nachdem sie bereits einige Zeit hatten, sich einander zu öffnen, bricht Gyllen eines Nachts eine tiefergehende Erklärung ab: »No, I’m not talking about my mommy issues. I’m not a mug. Well, I am a mug, but at least there is a chance I’m not a full-on mug«. Zum Glück reagiert William ebenfalls genervt auf diese plötzliche Ablehnung männlicher Emotionalität.

Reaktionen aus dem Publikum

Am Anfang öfters Lachen, am Ende dann kaum noch. Einmal noch ein Schnauben bei einer besonders pathetischen Liebeserklärung, ansonsten herrscht Ruhe.

Äh, und der Bechdel-Test?

Nope. Die einzigen weiblichen Sprechrollen sind die neue Freundin von Gyllens Vater sowie eine Flüchtlingshelferin. Beide kommen aber nicht einmal in die Nähe voneinander, und die wenigen anderen Frauen sind kaum mehr als Statisten.

Fazit

So ganz hält »Roads« sein am Anfang aufgebautes, positives Momentum nicht bei, wird er doch zum Ende hin etwas zu dramatisch und ernst. Klares Drama. Alles in allem aber durchaus eine gelungene Reise.

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