Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Claudio Giovannesis Mafiadrama über eine jugendliche Gang lief im Wettbewerb der Berlinale 2019 und erhielt den Silbernen Löwen für das beste Drehbuch. Der Film basiert auf einer Vorlage des Schriftstellers Roberto Saviano.

Blutbeschmierte Jungen mit nackten Oberkörpern tanzen mitten in der Nacht um einen brennenden Baum. Jubelschreie. Eine Flasche Schnaps wird herumgereicht. 

»Paranza – Der Clan der Kinder« (OT: »La paranza dei bambini«)/ Claudio Giovannesi / Italien / 2019 / 105 Minuten

Die Story

Der 15- jährige Nicola (Francesco di Napoli) wächst in einem von mafiösen Verhältnissen geprägten Stadtteil Neapels auf. Seine Vorbilder sind die mächtigsten Verbrecher der Gegend, die von der Wäscherei seiner Mutter (Valentina Vannino) und auch allen anderen Geschäften ein wöchentliches Schutzgeld einfordern. Nicola und die anderen Kinder haben keinerlei Aussicht auf eine erfolgreiche Zukunft. Das Gangsterleben wirkt verheißungsvoll. Schnell steigt er mit seiner Gang jugendlicher Halbstarker immer weiter in der Hierarchie des Viertels auf. Dies führt zu einem Leben, wie er es sich immer erträumt hat, allerdings verlieren die Jungen immer mehr die Kontrolle über ihr eigenes Handeln und müssen schon bald die Konsequenzen tragen.

Und, wie finden wir das?

Claudio Giovannesi erzählt ein spannendes und rauschendes Gesellschaftsdrama. Die kindlichen Charaktere rennen immer weiter in ihr Verderben und verschwenden dabei keinen Gedanken an die möglichen Folgen ihrer Taten. Sie koksen, trinken Alkohol, bestellen sich Prostituierte. Das alles ist erschreckend, es handelt sich immerhin um 15-jährige. Je tiefer die Protagonisten in ihre illegalen Machenschaften verwickelt werden, desto größer wird auch die Sorge im Publikum. Die Gewissheit stellt sich schnell ein, dass das nicht gut enden kann. Die Jungen werden schnell größenwahnsinnig und wollen immer mehr. Diese Steigerung wird geradezu unangenehm, die Beunruhigung wächst mit jeder Sekunde. Denn trotz ihrer Eskapaden, ihrer Drogengeschäfte und ihrer Gier auf teure Uhren und Designerklamotten, sind die Jugendlichen nicht unsympathisch, denn sie handeln in der Illusion das Richtige zu tun.

Verkörpert werden die Jugendlichen von Laiendarstellern aus dem Viertel. Gedreht wurde ebenfalls original im neapolitanischen Viertel Sanitá. Das tut dem Film gut und sorgt für Authentizität. Im Fokus steht dabei die Diskrepanz zwischen gefährlichem Mafiaboss und schutzlosem Kind. Dieser Widerspruch gelingt dem Film immer wieder mit Bravour. So wacht Nicola beispielweise in seinem riesigen, prunkvollen Königsbett mit goldenen Polstern auf, schlurft in die Küche und streitet sich mit seinem kleineren Bruder um ein paar Kekse. Diese Momente gelingen außerordentlich gut. 

Schlechtester Dialog

Das Drehbuch ist schnell und besteht aus vielen guten und frechen Dialogen, die sogar ab und an improvisiert wirken. Im Gedächtnis blieb ein älterer Mafioso, der von den jugendlichen Protagonisten bedroht wird:

Nicola: „Wir bringen dich um!“

Mann: „Ihr seid doch noch grün hinter den Ohren! Ihr nehmt ein schlechtes Ende! Ihr Alle!“ 

Das bringt es auf den Punkt.

Manchmal übertreibt es der Film aber etwas mit seinen markigen Sprüchen und die 15-jährigen Gangster wirken unfreiwillig komisch. Den schlechtesten herauszupicken ist dabei aber nicht so einfach.

Reaktionen aus dem Publikum

Das Publikum war gefesselt. Es gab hin und wieder ein kollektives Kichern, wenn mal wieder einer der Jungs einen albernen Spruch zum Besten gab. Ansonsten herrschte konzentriertes Schweigen. Beim Abspann atmeten viele Gäste laut durch und man merkte wie bei einigen die Anspannung abfiel.  

Äh, und der Bechdel-Test?

Im Film existieren genau zwei nennenswerte Frauenrollen. Nicolas Mutter, deren Namen wir nicht einmal erfahren, sowie seine Freundin (Viviana Aprea). Die beiden begegnen sich allerdings nicht im Film und reden auch mit keiner anderen Frau. Definitiv durchgefallen.

Fazit

Ein toller Film. Rund, spannend bis zum Schluss und sehr authentisch. Das Drehbuch überzeugt. Die Drehorte sind gut gewählt. Es gibt immer wieder starke Momente und Szenen, die in Erinnerung bleiben. Bemerkenswert ist auch die Energie, mit der die jungen, unerfahrenen Darsteller spielen. Eine klasse Ensembleleistung. Das macht richtig Spaß zuzusehen. Insgesamt sehr zu empfehlen.

Du hast Lust auf mehr vom ZurQuelle-Magazin? Dann schau hier!

Letzte Woche in der Sneak: Der Untergangs des amerikanischen Imperiums in »Der unverhoffte Charme des Geldes«.

Wenn Die Grünen mit AfD verglichen werden: Ein Herz für die Ökodiktatur.

Bestellt euch hier die wunderschöne Printausgabe. Oder holt euch gleich ein Abo. Unterstützt uns bei Steady. Und kommt doch einfach mal vorbei. 

Du hast Lust auf mehr vom ZurQuelle Magazin? Wir freuen uns auf dich bei FacebookTwitter und Instagram.