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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Regisseurin Sherry Hormann inszeniert den im Jahr 2005 begangenen Ehrenmord an Hatun »Aynur« Sürücü in ihrem neuen Film »Nur eine Frau« und lässt Aynur selbst ihre Geschichte erzählen.

Grüne Kacheln reflektieren das fluoreszierende Neonlicht. Der Coiffeur zieht den roten Faden gekonnt an der Wange entlang und hält die Flamme schnell an den Haaransatz. Drei Männer betrachten ihr dunkles Haupt im Spiegel und posieren zufrieden zu ihrem Anblick. Mit diesem Stolz werden sie alle ihre Handlungen untermalen.

»Nur eine Frau« / Sherry Hormann / Deutschland / 2019 / 96 Minuten

Die Story

Es war der Ehrenmord, von dem 2005 alle gehört haben. Hatun »Aynur« Sürücu wurde mit fast 23 Jahren von ihrem jüngsten Bruder, gerade Mal 18 Jahre alt, weil ihre Emanzipation nicht in die sunnitisch-kurdische Familientradition passt, drei Mal in den Kopf geschossen.  In »Nur eine Frau« erzählt Aynur (Amila Bagriacik) aus der Ich-Perspektive, wie sie aufwuchs und an ihren Cousin in die Türkei zwangsverheiratet wurde, wie sie schwanger von ihrem gewalttätigen Mann flieht, aber bereits damit eine Sünde begeht. Mit viel Schwierigkeit und Ausdauer verlässt sie noch als minderjährige Mutter ihre Familie und fügt damit ihrer hochreligiösen Familie Schande zu. Ihre Momente von Schwäche, Kummer und Stärke werden über ihren Mord hinaus von ihr erzählt.

Und, wie finden wir das?

Der Film begleitet und arbeitet die persönliche Geschichte Aynurs auf und erinnert, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Ob es um sunnitische Familientradition oder andere Sekten geht, der emotionale und physische Druck und Bedrohungen betreffen noch immer viele. Das Thema löst viel Wut aus. Im Film soll jedoch die Lebensfreude von der ermordeten Aynur hervorgehoben und die ungerechte Situation vor Augen geführt werden, dass es nun an ihrer Person in der Welt fehlt. Die Ich-Erzähler Stimme Aynurs macht es natürlich beabsichtigt emotional und persönlich. Obwohl Aynurs omnipotente Off-Stimme noch zu Beginn sagte, sie würde für die Einfachheit ihrer Zuschauer die Dialoge auf Deutsch zaubern, zieht sich das leider nicht durch und wir hören oft fremdsprachigen Dialog ohne Untertitel. Trotzdem trägt natürlich die schauspielerische Leistung, auch von Aynurs Mörder Nuri (Rauand Taleb) dieser Emotionalität gekonnt bei. Zudem werden dokumentarische Aufnahmen der echten Aynur – recht unbeholfen und holprig – eingebaut. Betont holprig, da noch im Foto-Love-Story Stil Snapshots – ja, auch mit dem Kamera-Snapshot-Ton – von Szenenbildern in Ultra-HDR und sonst noch welchen Filtern innerhalb des Films hinzugeschnitten werden. Das irritiert. Aber ist verständlich, wenn die sehr involvierte Produzentin Sandra Maischberger verrät, dass sie den Film als Lehrauftrag für ein jüngeres Publikum sehe und er für Schulvorführungen gedacht sei.

Schlechtester Dialog

Nicht unbedingt schlecht, weil schlecht gescripted, aber weil frauenverachtende, höhnische und selbstgerechte Aussagen von echten Typen im Leben einfach so wütend machen. Die Brüder reden zum Beispiel untereinander: »Schau sie dir an. Alles Ungläubige! Wir dürfen sie alle töten.«

Reaktionen aus dem Publikum

Mehrmals hört mal lautes Aufatmen, oder was es Aufstöhnen? Das Thema des Films staut in kürzester Zeit viel Wut an. Daher fand ich ein kleines Ventil in meinen Tränendrüsen, als Aynur zuletzt noch ihren Sohn und seine Zukunft ansprach.

Äh, und der Bechdel-Test?

Bestanden. Aynur redet mit ihrer Freundin, Schwester, Mutter über Familie und Emanzipation.

Fazit

Kein Film für echte Cineasten, eher für Bravo Foto-Love-Story-Liebhaber, soll er doch primär an Schulen gespielt werden. Er ist thematisch aufwühlend und ohne Frage wichtig, der Trailer zeigt schon viel Inhalt, entscheidet selbst ob ihr mehr davon wollt.

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