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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Ein cooler Song, eine coole Karre, ein cooler Typ in einem Vorort in Miami. Auf der Straße bettelt ein älterer Mann bei einem jungen Dealer um Drogen. Der Typ aus dem Auto, anscheinend der Boss namens Juan, checkt die Lage und verschwindet wieder.
In der nächsten Szene wird ein kleiner Junge gnadenlos von Gleichaltrigen gejagt und versteckt sich in einer abgefuckten Drogenhöhle.

Willkommen in „Moonlight“ von Barry Jenkins.

Die Story

Eingeteilt in drei Kapitel „i.little“, „ii.chiron“ und „iii.black“, alles Namen für den Protagonisten, begleiten wir Chiron von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Das Leben des afroamerikanischen Jungen aus einem ärmlichen Vorort ist trist und brutal. Von seinen Mitschülern gemobbt und seiner cracksüchtigen Mutter vernachlässigt, findet er in einem Drogendealer und seiner Freundin eine Art Ersatzfamilie.

Die Hänseleien hören auch in der High School nicht auf, werden sogar noch gewalttätiger und Chiron hat es nicht gerade leichter, als er feststellen muss, dass er sich in seinen Freund Kevin verliebt hat. Als er sich dann irgendwann zur Wehr setzt und seinem größten Tyrann mit dem Stuhl eins überzieht, muss er in den Jugendknast. Im dritten Kapitel erleben wir ihn erwachsen, aber nicht geläutert: Er ist erfolgreicher Drogenboss.

Und wie finden wir das?

„Moonlight“ beschreibt das Erwachsenwerden und den Versuch des Sich-selbst-finden auf so eine einfühlsame und gleichzeitig knallharte Weise wie ich es noch nicht gesehen habe. Raufereien, Schwanzvergleich in der Schule, der erste Kuss am Strand, Verwirrung, Verrat, Liebe und Enttäuschung, eine drogenabhängige Mutter sind nur einige Hürden mit denen Chiron fertig werden muss. Die Charaktere sind dabei so tiefgründig und großartig wie die Musik und die Bilder des Films.

Die Schwere und das Schicksal der Hauptfigur lassen sich nur durch witzige, geschickt platzierte Momente ertragen. Ich selbst habe mich dabei erwischt wie ich dümmlich grinsend die Leinwand anstarrte, als der mittlerweile erwachsen gewordene Chiron seine erste Liebe Kevin in seinem Restaurant überrascht und versucht,  mit ihm zu flirten. Dieser große, breite Typ mit den goldenen Grillz benimmt sich wie ein kleiner, schüchterner Junge und ist dabei einfach nur – ja was? – menschlich und angreifbar. Das ist vielleicht das großartige an diesem Werk. Es lässt keine Fassade zu. Es geht um diesen einen Menschen, um seine Gefühle, sein Schicksal und seinen Weg sich durchzubeißen und es ist großartig, inspirierend, romantisch, herzzerreißend und knallhart zu gleich. Wie das Leben.

Schlechtester Dialog

Schwierig, weil ich gar nichts als schlecht betiteln möchte. Aber vielleicht als Juan den kleinen Chiron das erste Mal trifft und ihn mit nach Hause nimmt. Beide sitzen im Auto, Chiron hat bis jetzt noch nicht ein einziges Wort gesagt.

Juan: „Warte bis meine Frau dich holt. Die bringt dich zum Reden.“

Dann setzt sie sich ins Auto und glotzt ihn an.

Reaktionen aus dem Publikum

Gekicher, manchmal lautes Gelächter. Ansonsten aufmerksame Stille.

Äh, und der Bechdel-Test?

Nicht bestanden. Das ist in diesem Fall aber in Ordnung. Das hier ist Chirons Geschichte. Die einzigen Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielen, sind seine Mutter Paula und seine „Ersatzmutter“ Teresa. Und die kommunizieren nicht miteinander.

Fazit

Ein Film über das Erwachsenwerden über eine schwierige Kindheit und über Homosexualität, der elegant und schonungslos verschiedene Facetten von Themen porträtiert, über die noch viel zu wenig gesprochen wird.

Wer Lust auf Tiefgang hat, der gehe jetzt ins Kino und nehme alle Stimmungen dieses Films in sich auf.

 

Bild: Filmstarts.de