Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Diese Woche in der Sneak: Sprengstoffpotenzial. Samuel Maoz hat mit »Foxtrot«  ein Werk geschaffen, das die Kinowelt spaltet. Auf der einen Seite feiert man den Gewinner des israelischen Ophir Awards und der Filmfestspiele in Venedig, auf der anderen Seite brodelt der Konflikt um seine politische Aussage. Dabei zeigt er, ganz privat und einzigartig, die Geschichte einer trauernden Familie.

Die Sonne neigt sich einem milchigen Horizont zu. So weit man blickt, nur Kiesel, Geröll, Wüste. Auf dem Dach eines Jeeps fahren wir eine brüchige Straße entlang. Kein Ziel in Sicht.

Foxtrot/ Samuel Maoz/ Israel 2017

Die Story

Jonathan Feldmann (Yonaton Shiray) ist tot. Als zwei junge Soldaten die Nachricht seiner Familie überbringen, bricht seine Mutter Daphne (Sarah Adler) an der Tür zusammen. Sein Vater Michael (Lior Ashkenazi) verzieht hingegen keinen Gesichtsmuskel. Männer sind schließlich keine Heulsusen. Trotzdem bröckelt der Putz, denn ein schicksalhaftes Trauma lässt Michael nicht los. Der bürokratische Apparat für »Gefallene« ist in vollem Gange, als eine zweite Überraschungsbotschaft die Familie erreicht: Es gab eine Verwechslung, Jonathan lebt. Der fristet sein Dasein derweil an einem verlassenen Checkpoint mit drei weiteren jungen Soldaten. Dennoch scheint sich das sinnlose Sterben zu wiederholen wie die Tanzschritte des Foxtrotts: vorwärts, links, rückwärts, rechts. Und wieder von vorn.

Wie finden wir das?

»Foxtrot« ist ein komplexer und kontroverser Film, auch in seiner Rezeption. Israels Kulturministerin Miri Regev warf Maoz noch vor der Veröffentlichung vor, Lügen über Israel und die Israel Defense Force (IDF) zu verbreiten. Den Film konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen haben. Dennoch entzündete sich eine gewaltige Debatte über seine politische Aussage. Und das nicht wegen Jonathans Tod, sondern (Achtung, Spoiler) wegen einer Szene, in der die israelischen Soldaten aus Angst vor einem Anschlag unschuldige Menschen töten. (Spoiler, Ende) Maoz, der selbst im Libanonkrieg gedient hat, erhielt daraufhin nach eigener Angabe Morddrohungen gegen sich und seine Familie.

Trotz seines politischen Zündstoffs will »Foxtrot« keine objektiven Tatsachen darstellen. Er ist Kunst. Und seine künstlerische Ader macht ihn auch wunderschön anzusehen. Fast manisch erinnern die Soldaten Michael immer wieder daran, jede Stunde ein Glas Wasser zu trinken – als würde das den Schmerz vom verlorenen Sohn nach und nach verwässern. Aus der Vogelperspektive trudeln wir über den quadratisch gemusterten Küchenboden bis uns schwindelig wird. Und die postapokalyptische Wüste des Westjordanlands wirkt ganz surreal mit seiner Weite, seinem Regen und dem abgewrackten, türkisblauen Van.

Schlechtester Dialog

Absichtlich schlecht ist der Dialog zwischen Michael und dem Militärrabbiner. Der zieht brutal das Beerdigungsprotokoll durch und weiß genau: Boys don’t cry.

»Dann wird der Sarg eingelassen, das ist ein schwerer Moment für die Frauen. Für sie natürlich auch – aber wir sind schließlich Männer.«

Reaktionen aus dem Publikum

Auf dem Nachhauseweg treffe ich meine Mitbewohner, die auch gerade aus dem Kino kommen. Das Meinungsspektrum ist hier diametral abgedeckt: Von super geil bis kritisch wegen zu klassischem Narrativ ist alles dabei. Uns allen gefiel aber das Kamel, das als einziges ohne Passkontrolle über den Checkpoint darf.

Äh, und der Bechdel-Test?

Leider nein. Trotzdem guter Film.

Fazit

Schau ihn an. Allein schon, um mitstreiten zu können.

Du hast jetzt Lust auf mehr explosiven Inhalt? Dann schau hier:

Robert widmet sich mit viel Liebe dem Trainer »unserer« Herzen: Jogi Löw.

Letzte Woche in der Sneak: Die Wunderübung.

Maike rechnet mit dem Mecker-Journalismus à la bento und funk ab.

Du hast Lust auf mehr vom ZurQuelle Magazin? Wir freuen uns auf dich bei FacebookTwitter und Instagram.

Und am tollsten wäre es, wenn du ein Abo abschließen würdest. Nirgendwo sind wir so schön wie im Print.