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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Mit »Ida« gewann der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski 2015 einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sein neues Drama »Cold War« ist nun erschienen und wurde bei der Oscar-Academy eingereicht. Hat der Film gute Chancen? Wir wissen es und verraten es euch.

Ein alter Mann singt mit kratziger Stimme ein polnisches Volkslied, dazu spielt ein Altersgenosse Geige. Schnitt. Eine alte Frau mit stämmiger Statur und bäuerlichem Charme spielt Akkordeon. Sie singt: »Ich heirate einen aus meiner Schicht!«.

Zimna wojna (Originaltitel)/ Paweł Pawlikowski/ Polen, Großbritannien, Frankreich 2018

Die Story

Polen im Jahr 1949. Der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) ist mit seiner Kollegin Irena (Agata Kulesza ) auf der Suche nach Gesangstalenten, die das volkstümliche Landleben verkörpern sollen. Denn an Kunst, Kultur und vor allem Heimattümelei soll die polnische Seele nach dem Krieg genesen. In einem alten Herrenhaus, an dessen Fassade noch deutlich die Einschusslöcher vom Krieg zu erkennen sind, stellen sie ein Ensemble zusammen. Mit dabei ist Zula (Joanna Kulig), die mit ihrem widerspenstigen Charme die Aufmerksamkeit Wiktors auf sich zieht. Doch Wiktors Drang nach künstlerischer Entfaltung stößt im strenger werdenden polnischen Staatssozialismus an seine Grenzen, weshalb sich Wiktor für die Flucht ins kosmopolitische Paris entscheidet. Es beginnt eine On-Off-Beziehung, zwischen Heimat und Exil.

Und, wie finden wir das?

»Cold War« lebt von seinem großartigen Soundtrack. Gänsehaut, als Zula in der Pariser Bar L’Eclipse auf polnisch singt, begleitet von einer Jazzband und Wiktor am Klavier.

Allerdings wirken sowohl der polnische Staatssozialismus als auch das kosmopolitische Paris im Film etwas holzschnittartig und klischeebeladen. So zum Beispiel, wenn einer der polnischen Parteifunktionäre erklärt, das Ensemble solle unbedingt über die sozialistischen Führer und die Agrarreform singen. Oder als Wiktor seiner französischen Liebhaberin erklärt, er habe gerade den Abend mit der Frau seines Lebens verbracht. Sie reagiert desinteressiert – als Teil der Pariser Bohème hat sie wichtigere Probleme. Natürlich ist sie Dichterin.

Doch insgesamt ist »Cold War« ein sehenswertes Drama, das eher auf die leisen Töne setzt. Mit dem Film hat Pawlikowski in Cannes die Auszeichnung »Best Director« ergattert.

Schlechtester Dialog

Wiktor erfährt, dass Zula im Gefängnis saß. Sie soll ihren Vater umgebracht haben. Als Wiktor sie darauf anspricht, klärt Zula das Missverständnis auf: Ihr Vater habe sie mit ihrer Mutter verwechselt (wohl eine Anspielung darauf, dass er sie sexuell belästigt hat). Sie habe ihm den Unterschied deutlich gemacht. Mit einem Messer, ergänzt sie sarkastisch.

Reaktionen aus dem Publikum

Der Typ links neben mir ist eingeschlafen. Der Typ rechts neben mir brabbelt manchmal spontan erbost und unverständlich vor sich hin. Insgesamt scheinen am Ende aber doch alle recht zufrieden zu sein. Nur in der hinteren Reihe ist sich jemand noch nicht sicher, ob der Film nun auf polnisch oder russisch war.

Äh, und der Bechdel-Test?

Zula unterhält sich auf einer Party in Paris mit Wiktors Ex-Freundin. Es geht dabei nicht um Wiktor, trotzdem liegt Eifersucht in der Luft. Auch, weil Zula sich als »einfaches polnisches Mädchen vom Land« gegenüber der kosmopolitischen Pariser Dichterin minderwertig fühlt. Wie auch immer, bestanden.

Fazit

Ein wunderbarer Film und vor allem: Ein traumhaft schöner Soundtrack. Einzig der deutsche Untertitel »Der Breitengrad der Liebe«, grenzt an Körperverletzung. Die Chancen auf den Oscar stehen gut.

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