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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Diese Woche in der Sneak: Später 80er Jahre Rock ’n’ Roll aus Leningrad. Sowjetische Restriktionen, kindische Texte, verbotenes Gedankengut, das Erkämpfen von Freiheit im inneren Zirkel. »Leto« ist ein Musikfilm und ausgezeichnet mit dem »Cannes Soundtrack Award«.

Ein gefüllter Theatersaal. Junge Leute sitzen geordnet und brav in den Klappstühlen. Laute Gitarrensolos und freche Texte strahlen von der Bühne. Finger tippen rhythmisch auf dem Schoß, ein paar wippende Köpfe, geschlossene Augen und ein sanftes Lächeln. Jemand steht auf und hält ein Fanplakat hoch. Sofortiges Einschreiten von den Aufsehern in Rollkragenpullis und Tweedsakkos.

Leto / Kirill Serebrennikov / Russland, Frankreich, 2018 / 128 Minuten

Die Story

Mayk (Roman Bilyk), der Leader der Band »ZooPark« und bereits ein gefeiertes Urgestein des Leningrader »Rock-Clubs« arbeitet an seinem nächsten Album. Seine Frau Natascha (Irina Starshenbaum) ist natürlich sein größter Fan. Viktor (Teo Yu) tritt dem musikalischen Freundeskreis bei – er ist ein ambitionierter Musiker mit frischen Texten und überschwappender Inspiration. Mayk unterstützt Viktor aufrichtig. Durch ihn schafft es Viktors Band »Kino« zum Durchbruch. Natascha verliebt sich etwas in den jüngeren Musiker und bringt allmählich mehr ihre eigene Meinung und eigenen Geschmack zur Sprache. Eine Dreierbeziehung entwickelt sich.

Und, wie finden wir das?

Der schwarzweiß Film zeigt vereinzelte Farbszenen und Kritzeleien auf dem Film, wie in einem Tagebuch eingebettet. Es soll vielleicht die Filmrealität von der Fantasie abgrenzen – für mich allerdings nicht durchgängig genug. Die Kritzeleien ziehen das Niveau sehr auf einen Jugendfilm herunter. Dafür verkörpert der Film die Zunft und Regeln der Sowjetunion in einem Milieu, wo sich künstlerische Freiheit durch Überzeugungskunst erkämpft werden muss. Statt komplett von den Beschränkungen auszubrechen, wird Freiheit erst nur in den sozialen Verflechtungen ausgeübt. So ist Mayk weniger unnahbar als er scheint und sein alternativer Lebensstil soll den beliebten aber verbotenen Rock ’n’ Roll aus Amerika und England imitieren.

Schlechtester Dialog

Ein paar englische Songs mit dickem russischen Akzent sind schon schlechter Dialog genug. Man muss anmerken, dass alles auf Russisch ist. Aber die unterhaltsamen Songtexte à la »Ich pflanze Aluminium-Gurken auf einem Kunststofffeld« sind ziemlich ulkig. Viel besser natürlich im Original!

Reaktionen aus dem Publikum

Große Lacher gab es nicht viele, aber sie waren da. Dafür umso mehr Fußschaukeln zur Musik.

Äh, und der Bechdel-Test?

Bestanden. Natascha spricht zum Beispiel mit der Tante, die auf den kleinen Sohn aufpasst.

Fazit

Eine muntere Verfilmung vom prägenden Viktor Tsoi und seinen originellen Songs (im Original). Leider viel Postproduktion (Kritzeleien) und nachträgliche Voiceovers, die den Film theatralischer und kindischer wirken lassen, als die Kameraführung und Bildsprache eigentlich hergäben.

 

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Mutti adé: Ein Herz für Angie.

In der letzten Sneak: Der Affront.

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