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Auf dem diesjährigen Cannes-Festival konkurrierte Pedro Almodóvars teils autobiografischer Film »Leid und Herrlichkeit« nicht nur um die Goldene Palme, sondern räumte auch Awards für den besten Hauptdarsteller und Soundtrack ab.

Ein katholisches Internat der 60er Jahre in Valencia. Der Musiklehrer versucht verzweifelt, Jungen für seinen Knabenchor zu casten. Er sitzt frustriert am Klavier, niemand trifft einen Ton, fast will er aufgeben, dann kommt endlich ein Junge mit engelsgleicher Knabenstimme. Der Lehrer ist gerührt, der Junge bekommt die Rolle als Solist, dies ist der Moment in dem eine Karriere als unsympathischer Dickkopf beginnt.

»Leid und Herrlichkeit« (OT: »Dolor y gloria«)/ Pedro Almodóvar / Spanien / 2019 / 114 Minuten

Die Story

Es war einmal ein großartiger spanischer Filmregisseur namens Salvador (Antonio Banderas). Leider ist diese Zeit inzwischen vorbei, und Salvador sitzt allein und faltig in seiner großen Wohnung inmitten all der Kunst, die er gesammelt hat, und zieht die Vorhänge zu, weil er sich so schämt. Und weil er so große Schmerzen hat, eigentlich überall.

Auf der Suche zurück nach der Inspiration seiner glorreichen, aber eben vergangenen Tage als schaffender Künstler begegnet er Menschen, die erst viel Leid hervorrufen, später dann Herrlichkeit. Zum Beispiel dem Hauptdarsteller seines erfolgreichsten Films (Asier Etxeandía) oder seiner Jugendliebe Federico (Leonardo Sbaraglia) und auch in innigen Erinnerungen seiner verstorbenen Mutter (Penélope Cruz).

Und, wie finden wir das?

Wer einen typischen Almodóvar erwartet, wird vielleicht enttäuscht: Der Film ist weniger knallbunt, weniger laut, insgesamt sehr langsam erzählt. Zynisch ist, wer Altersschwäche vermutet, und außerdem liegt derjenige falsch: Der Film ist nicht weniger grandios, nur eben zurückhaltender, leiser.

Ja, die Story ist im Grunde nichts Ungewöhnliches: Den alten, weißen, selbstmitleidigen männlichen Künstler haben wir schon hundert mal gesehen. Sie ist aber ungewöhnlich schön und ehrlich erzählt. Das liegt vor allem an der Ernsthaftigkeit, mit der Almodóvar seine Figuren und ihre Gefühlswelten zeigt. Nichts ist ironisch, alles echte Leidenschaft.

Dabei dauert es etwas, bis man sich an das langsame, teils tragende Erzähltempo gewöhnt. Großartige Schauspieler und starke, eindrückliche Bilder saugen einen dann aber tief ins Almodóvar-Universum ein, und dann will man gar nicht mehr zurück.

Als Salvador seiner Jugendliebe Frederico die Tür aufmacht, fragt er ihn als erstes, ob ihm sein neues Theaterstück gefallen habe. Gefallen sei das falsche Wort, antwortet dieser. Das Stück habe ihn beeindruckt. Almodóvars Film schafft beides: gefallen und beeindrucken.

Schlechtester Dialog

Gibt es nicht. Überhaupt gibt es recht wenig Dialog, dafür viel Musik und Gesten, tiefe Blicke, und vor allem beeindruckende Monologe.

Reaktionen aus dem Publikum

Das Kino seiner Kindheit, sagt der Protagonist Salvador an einer Stelle, rieche nach Pisse und Jasmin. Das Kino der Gegenwart riecht nach sehr viel Schweiß und noch mehr Knoblauch. Es ist ein großes Kompliment an den Film, dass aus der naserümpfenden Schicksalsgemeinschaft an Leuten, die sich anfangs mehrfach umsetzen, um den Gerüchen der anderen zu entgehen, irgendwann eine andächtige Einheit entsteht. Man schweigt zusammen, vergisst dabei fast das Atmen und dadurch sogar den Knoblauch. Das schafft nicht jeder Film.

Äh, und der Bechdel-Test?

Leider nicht bestanden. Dafür wird die Figur der Mutter mit so viel Liebe und Respekt erzählt, dass man ein Auge zudrücken möchte.

Fazit

Los jetzt, angucken, worauf wartet ihr noch.

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