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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Kreuzung Eberswalde, die Bahn fährt. Menschen wechseln über die Tramgleise. Ein älterer Mann schiebt sich zielsicher durch den Durchgang unter der Hochbahn: Er steuert den Currywurstladen an. Bierflaschen hat er in einem Einkaufsnetz. „Eine Curry ganz, bitte“ – die Dame hinterm Tresen wiederholt seine Bestellung und nickt. Zwei Männer mit Knopf im Ohr und schicken Anzügen nähern sich ihm von beiden Seiten. Er flieht quer über den Platz. Wir werden nie erfahren, was eine Curry ganz ist.

Die Story

Die Wiedervereinigung der ehemaligen Sowjetrepublik Katschekistan steht kurz bevor. Es fehlt nur Haim Kasan, der als Interimspräsident aus Ost-Katschekistan die Verträge unterzeichnen soll. Er wurde von einem ehemaligen DDR-Spion entführt. Also wird eine Truppe weiterer ehemaliger DDR-Spione reaktiviert, um die beiden zu finden.

Und wie finden wir das?

Seitdem die jungen Leute lieber streamen als sich mit Popcorn in rote Samtsessel zu setzen, sind die Best-Ager ja Haupt-Kinozielgruppe. Zum Glück ist diese Altersgruppe durch Henry Hübchen, Winfried Glatzeder, den unvermeidlichen Michael Gwisdek, alles alte DDR-Schauspiel-Recken, gut repräsentiert. Sie alle können ihre realen Russischkenntnisse einbringen.
Überraschend ist hier das Comeback für Winfried Glatzeder (legendärer Paul in „Paul und Paula“, später in den Spreepiraten und dem Berliner Tatort unter seinen Möglichkeiten).
Wir haben als Deutsche ja eine interessante Geschichte. Was ehemalige Spione der DDR in den letzten 60 Jahren alles so erlebt haben könnten!  Man erfindet ein Land in der Region dieser obskuren „-tan“-Republiken, teilt es in Ost und West und schreibt eine Wiedervereinigung in den Rahmenplot – subtil ist das nicht.
Die Musik bewegt sich irgendwo zwischen Tatort und James-Bond-Film oder wahlweise zwischen Polizeiruf und Schuh des Manitu, und so auch die breitflächig eingestreuten Film-Zitate aus dem Genre Agententhriller. So richtig temporeich wird es nicht, aber das passt zum Retro-Revival mit analogen Spionagetricks, die die alten Herren selbstverständlich nicht verlernt haben. Der Laptop fliegt schnell aus dem Fenster, hier wird noch analog ermittelt. Eine Rückkehr zu den Dingen, dem echten Handwerk, wie es dem aktuellen Hipster-Trend entspricht. Der Plot ist mit seinen unzähligen Mini-Spannungsbögen etwas kurzatmig, kommt dafür mit erfreulich punktgenauen 90 Minuten aus. Die Wanze, die der Techniker selbst gebaut hat, ist so groß, dass sie als Teil der Inneneinrichtung übersehen wird. Wenn es eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Aufeinanderprallen zweier Staaten in der Biografie ehemaliger Spione gegeben hat, habe ich das leider genauso übersehen.

Schlechtester Dialog

Die Dialoge klingen im Original so wie eine schlechte Synchronfassung – als B-Movie-Charme geplant? Wichtige Informationen werden auch mal zwei- dreimal wiederholt.

„Das ist er also, der Zonen-James Bond. Kein Wunder, dass alles Land untergegangen ist. Was haben wir denn über ihn?“

„Lass uns keine Zeit verlieren und keine Informationen preisgeben.“

BND-Jungspund Schell (Florian Panzner) beim Anblick von Alt-Spion Falk (Henry Hübchen) zu Jung-Agentin Paula Kern (Antje Traue). Verläuft natürlich nicht nach Plan.

Reaktionen aus dem Publikum

Nach 20 Minuten Lacher bei „Kommt die auch mit? Naja, früher war ja auch immer einer von der Partei dabei“, breit verteiltes Lachen quer durch die Sitzreihen den ganzen Film über – gefällt anscheinend nicht bloß gruppenweise.

Äh, und der Bechdel-Test?

Nein. Vier weibliche Sprechrollen: Eine Agentin, eine Hotelmitarbeiterin, zwei sprechende Statistinnen (eine Currywurstverkäuferin, eine Krankenschwester), zwei stumme Statistinnen in den Massenszenen, allerdings nie mehr als eine (!) Frau in einer Szene – Wie solln se da auch miteinander sprechen.

Fazit

Ältere-Leute-Komödie mit viel echt-Berliner Lokalkolorit und imposanter Ostberliner Starbesetzung unterhält ohne viel Tiefgang oder historische Akkuranz und Überlänge.