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Das Gerichtsdrama »Just Mercy« um den berühmten Fall Walter McMillians, der in der 80er Jahren zu Unrecht zur Todesstrafe verurteilt wurde, beruht auf wahren Begebenheiten. Der gleichnamige Besteller seines Strafverteidigers Bryan Stevenson wurde nun von Regisseur Destin Daniel Cretton verfilmt.

Durch die Baumkronen der Kiefern bricht der hellblaue Himmel. Die Äste wiegen sich sanft im Wind. »Kannst du dir das vorstellen? Bist du da?«. Herbert nickt konzentriert, sein Körper zittert. Er befindet sich nicht im Wald, sondern in einer Todeszelle in Alabama. Gerade hat er das Datum seiner Hinrichtung erfahren.

Just Mercy/ Destin Daniel Cretton/ 2020/ USA/ 137 Minuten

Die Story

Um als Mörder zum Tode verurteilt zu werden, muss man kein Mörder sein. Man muss nur wie einer aussehen. Und wie einer aussieht, das bestimmen die Weißen. So erklärt Walter McMillian (Jamie Foxx) dem jungen, afroamerikanischen Anwalt Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) seine Situation. Bryan, frisch aus Harvard, gründete in Alabama die Equal Justice Initiative, die unschuldig Verurteilte verteidigen soll.

Aufgrund einer einzigen, zweifelhaften Zeugenaussage wurde Walter zum Tode verurteilt, auch wenn 20 Personen seine Unschuld bezeugen können. Seit Jahren schon wartet er in seiner Todeszelle neben dem senilen Herbert (Rob Morgan) und dem ebenfalls unschuldigen Anthony (O’Shea Jackson Jr.) auf seine Hinrichtung. Zusammen mit Eva (Brie Larson) nimmt sich Strafverteidiger Bryan Stevenson nun seines Falls an. 

Und, wie finden wir das?

Solide. Der Film konzentriert sich stark auf die Handlung, die er eingehend, ernst und teilweise mit recht viel Pathos erzählt, während Soundtrack und Visuelles eher zurückgenommen wirken. Hervorzuheben ist die bemerkenswerte schauspielerische Leistung von Tim Blake Nelson, der einen von der Polizei eingeschüchterten und vom Leben gezeichneten Zeugen spielt. 

Wüsste man nicht, dass die Geschichte auf realen Begebenheiten basiert, würde man aber teilweise ihre Glaubwürdigkeit anzweifeln, so klar sind die Grenzen zwischen Gut und Böse, so klischeehaft die Charaktere: Hier der unerschütterliche, herzensgute Anwalt Bryan, der alles zurücklässt, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Auf der anderen Seite der windige, fiese weiße Anwalt mit schlecht sitzenden Hosenträgern.

Dann aber gibt es Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben: Wenn ein liebgewonnener Charakter seine Hinrichtung auf dem Elektrostuhl erwartet, ist das eine kaum auszuhaltende Grausamkeit. Was sollte er auch an einem Ort wie diesem erwarten, sagt Strafverteidiger Bryan Stevenson an einer Stelle resigniert. Vor Jahren wurde an genau diesem Ort mit Sklaven gehandelt, warum sollte es auf einmal gerecht zugehen? Das ist die erschreckende Aussage des Films: Das perfide Tötungssystem der USA mit all seinem zugrundeliegenden Rassismus erscheint wie eine Fortführung der Sklaverei.

Schlechtester Dialog

Kein bestimmter Dialog, aber gerade zu Beginn verlor das Drehbuch an Kraft, indem es die Protagonisten die offensichtlichsten Dinge aussprechen ließ, statt sie zu zeigen. Etwa »Ich weiß gar nicht, wie ich reagieren soll.« oder »Ich fühle mich überfordert.«.

Reaktionen aus dem Publikum

Sehr still. In einigen Szenen wird geweint. Am Ende ruft ein Mann »Fuck America!« und verlässt wütend den Saal. Fast alle anderen bleiben für den Abspann, der erzählt, wie es den realen Vorbildern ergangen ist.

Äh, und der Bechdel-Test?!

Durchgefallen. Angesichts der Story nicht verwunderlich: Ein Mann verteidigt andere Männer, Frauen sind Zeuginnen oder Helferinnen. Bei einem Film, der laut und pathetisch soziale Ungerechtigkeit anprangert, doch etwas schade.

Fazit

Beunruhigende und mitreißende Geschichte um Gerechtigkeit, Hoffnung und Rassismus in den Südstaaten. Als Film streckenweise weniger überzeugend. Einige sehr eindrückliche Szenen aus dem Todestrakt heben die Längen und den Pathos des Films jedoch wieder auf.

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