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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Der Klang einer Ziehharmonia-Polka senkt sich über ein sozialistisches Erntearbeiteridyll. „Wenn auf den Feldern das Kartoffelkraut brennt, beginnt die Zeit des abnehmenden Lichts“, informiert uns ein Audiokommentar mit belegter Stimme. „Nach dem Herbst erfolgte unweigerlich der Winter.“

In Zeiten des abnehmenden Lichts, Matti Geschonneck, Deutschland 2017

Die Story

Oktober 89. Bald wird es die DDR nicht mehr geben. Parteifunkionär Wilhelm Powileit (Bruno Ganz, hammer-gut) feiert seinen 90. Geburtstag. Viele Blumen werden gebracht, eingelegte Gurken werden verschenkt, das Buffet ist eiweißreich, die Gäste illuster besetzt. (Anwesend sind sein Sohn Sylvester Groth, seine Frau Hildegard Schmahl, Schwiegerenkelin Natalia Belitski und als undefinierter Gast phänomenal Angela Winkler.)

Und, wie finden wir das?

Der Film lässt viele Fragen aufkommen: Wo haben die das Treppenhaus aufgetrieben? Die Ausstattung macht als Suchbild großen Spaß. Moderne Steckdosenfassungen prangen auf der offensichtlich in Schimmeloptik tapezierten Wand. Die frisch sanierten Doppelglasfenster strahlen hinter aufgemalten Schmutzflecken. Fielmannbrillen!? Was haben die denn da für einen Lichtfilter drübergelegt? Scheint aber Sommer zu sein unter der Retro-Sepia-Palette.

Partisanenlieder-singende Pioniere, wie sie „Good Bye Lenin“ als Standard für DDR-Filme gesetzt hat, dürfen nicht fehlen. Ebenso wenig muss man auf den, aus „Sonnenallee“ liebgewonnenen, Multifunktionstisch verzichten: Diesmal in der Ausgabe Mahagoni/ Intarsien verziert, vormals in Besitz von Nazis, Bein plus Statik schief. Das muss dann schon als Metapher für den „failed state“ Spät-DDR herhalten, wenn die vom verfilmten Roman (gleicher Titel, Deutscher Buchpreis 2011) ursprünglich dafür vorgesehene Jahreszeitenmetapher (Es wird Herbst! Da scheint dann die Sonne nicht mehr so hell! Und der Winter kommt auch!) mit verkitschten Sepiabildern untauglich gemacht wurde. Der Film kann sich nicht so recht entscheiden, ob er nicht doch vielleicht eine Komödie sein will (geht ja schließlich um DDR) und platziert daher vorsichtshalber ein paar running gags an dramaturgisch uneinsichtigen Stellen.

Wie konnten Regisseur Matti Geschonneck („Boxhagener Platz“) und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Sommer vorm Balkon“) nur so eine Gurkensammlung einlegen?

Wer auf DDR-Filme steht, lese hier die Review zu „Kundschafter des Friedens“

Schlechtester Dialog

Das Drehbuch ist dieser Quelle-Rubrik praktisch auf den Leib geschneidert worden. So lange gibt’s unsere Sneak-Preview schon, dass wir Auswirkungen auf die Filmentwicklung gefunden haben!
Das Drehbuch macht es einem unheimlich schwer, sich zu entscheiden.

„Es gibt keine Dankbarkeit.“ – „Aber ich will nicht mehr lügen müssen.“ – „Willst du sagen, ich lüge mein Leben lang?“ (Vater und Sohn tauschen sich über ihren Alltag.)

„Die scharfe Ecke ist schwul.“ – „Da drüben gibt’s nur Bockwurst.“ – „Das Leben ist scheiße.“ (Vater und Sohn suchen eine Kneipe.)

„Früher haben sie mal auf ihre Väter gehört“. „Wenn‘s was zu hören gab.“ (Vater und Sohn bei einer Bockwurst.)

„Schade, dass du tot bist.“ (Großvater zu einem ausgestopften Leguan.)

„In diesem Jahrhundert wird es keinen großen Gedanken mehr geben.“ (just saying)

Und last but not least … „eine neue Ordnung, in der das Geld nicht alles regelt, und der Mensch dem Menschen ein Bruder sein kann.“ … das ist dann schon die thematische Überleitung zum Bechdeltest.

Äh, und der Bechdel-Test?

Ja, selten und spät, aber das Beste an diesem Film, der bei den Dialogen eh kein gutes Händchen hat, holen die glänzenden weiblichen Schauspielerinnen heraus, während sie ohne Text (den ihnen der Film in diesem Fall gnädigerweise kaum zugesteht) spielen. Da entstehen tatsächlich Momente von Dichte und fast schon Substanz. Die Wittgenstein-Erkenntnis „Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“ darf zwar ein Mann in der heiteren Parteirepräsentantenansammlung anmerken, wirft aber noch mal ein ganz neues Licht auf die Anwendung des Bechdel-Tests in diesem Film.

Reaktionen aus dem Publikum

Zwei Menschen gehen, höflich geduckt unter der Leinwand, eher älter, noch vorm ersten Wendepunkt. Größere Gruppe, eher lauter, eher Getöse, eher jünger geht in Filmminute 85. Sonst wenig.

Kennst du schon unsere Sneak Review der letzten Woche?

Fazit

Unentschiedener Film mit herausragender Starbesetzung, der seine Angst vor den wirklichen Fragen des Lebens und Scheiterns mit Klischee-DDR-Gags und -Requisite versteckt.

Filmstarts.de