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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Oh, russische Wochen! Giftattacken, Wahlboykott, vierte Amtszeit. Passenderweise hat sich diese Woche der Kreml auch ins Kino gesneaked. »The Death of Stalin«, die schwarze Komödie vom Satiriker Armando Iannucci verulkt die Machtkämpfe, die nach Stalins Tod im inneren Zirkel des Politbüros stattfanden.

Moskau 1953. Hektik während eines Mozart-Requiems: Stalin, »das schärfste Gehör in der Sowjetunion« wünscht eine Aufnahme des soeben beendeten Konzerts. Da aber niemand auf Play gedrückt hat und das Verweigern der Anordnungen des Herrschers in so einer sorgsam aufgebauten Diktatur den Tod bedeutet, muss das Konzert reinszeniert und die Akustik durch möglichst dicke Leute von der Straße nachgeahmt werden. Ein Dirigent, der eigentlich gerade vom NKVD abgeführt werden sollte, wird kurzerhand im Bademantel auf die Bühne gestellt. Klassische Musik mischt sich mit dem Lärm von Erschießungen.

The Death of Stalin. Armando Iannucci. Großbrittannien/ Frankreich 2017.

Die Story

Als Stalin am Morgen des 1. März nach einer mehrstündigen Unterredung auf seiner Datscha unbemerkt einen Schlaganfall erleidet und erst Stunden später halbseitig gelähmt in einer Pissepfütze gefunden wird, wirft das das Machtgefüge der absolutistischen Herrschaft komplett über den Haufen. Des Diktators Komplizen Malenkow, Chruschtschow, Molotow, Schuchow und Beria, die bislang brav unter dem Stählernen gebuckelt haben, buhlen nach seinem Tod um das freie Amt und die Chance, an der Spitze der Sowjetunion zu stehen.

Und, wie finden wir das?

Schon alleine Steve Buscemi einen Nikita Chruschtschow spielen zu sehen, der seine Frau täglich in ein Heftchen notieren lässt, welche Sprüche und Witzeleien bei Stalin ankamen, erfreut mein müdes Dienstag-Abend-Herz. Bei all den Aberwitzigkeiten der Geschehnisse und Dialoge, erscheint es beinahe unmöglich, dass Iannucci seinen Film auf akribisch recherchierten Fakten aufbaute. So zum Beispiel die Tatsache, dass beim Auffinden des bewusstlosen Stalin kein brauchbarer Arzt angeschleppt werden kann, da einige Monate zuvor die renommiertesten Mediziner der UdSSR verdächtigt wurde, Teil einer Ärzteverschwörung zu sein und vorsichtshalber in den Gulag abgeschoben wurden.

Der klamaukige Untertitel des Films »Hier regiert der Wahnsinn« lügt keineswegs. Es stellt sich im Rahmen des Gefallens hier einfach die Frage, ob man einen slapstickartig anmutenden Umgang mit unverzeihlichen Gräueltaten ertragen kann oder nicht. Für mich ist eine derartige Überspitzung geschichtlich belegten Ekels ein grandioser Weg, um das Böse und seine Banalität vorzuführen und es lachend sacken zu lassen.

Schlechtester Dialog

»Ich möchte eine Rede auf der Beerdigung meines Vaters halten!«, sagt der daueralkoholisierte Wassili Stalin. »Ja, ich möchte mit Grace Kelly schlafen!«, erwidert Chruschtschow und lässt ihn stehen. So eine Sprücheklopferei gibt es im raschen Takt. So wie im Politikkontext eventuell unerwartete Beleidigungen wie »Kamelpimmel«.

Reaktionen aus dem Publikum

Mein lieber Scholli, diese eingeschworenen Sneak-Gänger sind schon ein besonderes Völkchen! Schon 20 Minuten vor Filmbeginn kann man ihren Fachsimpeleien und Ausschlussverfahren lauschen. Als dann weiße Schrift auf roten Grund wandert, kann ich kleine Stöhner und »wusst ich doch«’s vernehmen. Die kennen ihre Filmveröffentlichungen by heart. Zwei Jungspunde gehen nach der Hälfte, alle Anderen lachen viel und teilen sogar ihre Schoki schwesterlich.

Äh, und der Bechtel-Test?

Russland. Politik. 1953. Eher nicht so. Zwar gibt es starke Frauencharaktere wie Stalins Tochter Swetlana, allerdings wird diese inmitten der alten Glatzköpfe nur als »little bird« und »kitten« abgetan. Derweil werden die Ehefrauen der Inhaftierten mit süffisantem Grinsen zu Geschlechtsverkehr gezwungen. Leider auch hier keine künstlerische Freiheit.

Fazit

Krank, absurd, lehrreich, lustig. Genau das, was eine Polit-Satire können sollte, möchte man meinen. Sag das mal dem russischen Kultusministerium! Das hat die Vorführung des Films seit seinem Erscheinen mehrfach verboten. Look how far we’ve come!

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Außer The Death of Stalin gab es in der letzten Woche folgende Themen…

Endlich ein Herz für Horsti und seinen Putzfimmel.

In „Der 27. Tag“ bekommen alle Trumplinge endlich was sie wollen: eine abgespacte Wunderwaffe.

Traurig hat uns Jonas hinterlassen: 10 Dinge, die er an ZQ vermissen wird.

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