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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Auf der diesjährigen Berlinale lief Joaquin Phoenix wie ’ne Eins über den roten Teppich. Das hatte er sich nach der ganzen Rollstuhlaction im neuen Hollywood-Streifen »Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot« auch verdient.

Der ist doch viel zu schnell! Der sollte mal aufpassen, sonst fällt der noch, wenn er mit seinem Rollstuhl so durch die Gegend fetzt! Und da sind doch auch Menschen auf dem Bürgersteig! Mann. Pass auf, Rollstuhl-Dude, da sind Autos auf der Straße! Und klar, da fällt er hin. Lol. Geschieht ihm irgendwie recht.

Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot  / Gus Van Sant / USA 2018

Die Story

John Callahan (Joaquin Phoenix) ist Alkoholiker. Nach einer wilden Nacht in den 70er-Jahren und einem wirklich dummen Unfall, den er nicht mal selbst verschuldete (Sondern Dexter, beziehungsweise Jack Black), ist er querschnittsgelähmt. Er wird zum Rollstuhlfahrer, der langsam beginnt, das Leben für sich zurückzugewinnen. Wie die Zivilisation das Meer verdrängt, um auf dem gewonnenen Land neue Häuser bauen zu können, erkämpft er sich mithilfe seiner Anonymen Alkoholiker Homies (unter anderen Jonah Hill und Udo Kier) Stück für Stück ein bisschen mehr Teilhabe an dem, was den Menschen glücklich macht: Liebe (Rooney Mara), Arbeit, Anerkennung. Besonders schwierig für den harten Spritti ist dabei der Kampf gegen den Alkohol und den eigenen Minderwertigkeitskomplex.

Und, wie finden wir das?

Gus Van Sant ist so ein Typ, der uns Dinge zeigt, die wir nie sehen wollten. Die letzten Stunden von Schulattentätern etwa oder ein Remake von »Psycho«. Sein wiederkehrendes Thema ist Schuld und deren Bewältigung. So auch hier.

John Callahan, der nur zufällig mit Nachnamen heißt wie Dirty Harry, ist ein gebrochener Mann. Und das spürt man immer wieder. Die Suff-Szenen grenzen sich durch die Farbgebung und Einstellungslänge von seinen klaren Momenten ab – vor allem aber durch die Entscheidung, John fast vollständig isoliert darzustellen. Selbst wenn er mit Menschen redet, bleibt die Kamera stets nah an seinem vor Durst verzerrten Gesicht. So wird das Leid, der Egoismus aber auch die Einsamkeit des Alkoholikers eindrucksvoll dargestellt.

Das zweite Thema des Films ist aber das eigentlich relevante. Die Behinderung Johns, der Kampf dagegen, das sind Dinge, die man im Hollywood-Film selten zu sehen bekommt. Das allein verlangt Anerkennung, kann doch mehr Repräsentation von Menschen mit Behinderung zu einer Abnahme ihrer Diskriminierung führen. Dass auch Querschnittsgelähmte Sex wollen (und haben können), dass sie durchaus in der Lage sind, Teil der Gesellschaft zu sein, zu arbeiten und Großes zu leisten, dass sie liebenswert sind: all das findet man bislang zu wenig im Kino. Dass sich so viele, so hochkarätige Schauspieler zusammengefunden haben, um die (wahre) Geschichte John Callahans umzusetzen, ist ein gutes Zeichen.

Schlechtester Dialog

Die Anonymen Alkoholiker bauen einen Großteil ihrer Philosophie auf den Glauben an Gott. Auch in »Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot« ist Religion immer wieder ein Thema. Das wirkt dann nicht selten pathetisch und deplatziert. Als Rooney Mara Joaquin Phoenix im Krankenhaus besucht, fragt sie ihn, was er Gott sagen würde, wenn er könnte.

»Please don’t let me be paralyzed.«

Reaktionen aus dem Publikum

Andächtige Stille. Der Film hat ein gutes Tempo, die Leute wollen ihn in Ruhe gucken. Er hat aber auch komische Momente. Wenn John mit seinem Rollstuhl durch die Gegend heizt, wirkt das lustig. Die Leute lachen. Auch als er von zwei Obdachlosen ausgeraubt wird, finden das einige komisch. Die beiden sind nämlich sehr schmutzig und genauso durstig wie John.

Äh, und der Bechdel-Test?

Leider gar nicht bestanden. Dafür gibt es Paradebeispiele sexistischer Szenen. Die Therapeutin etwa, die John empfiehlt, er solle seiner Krankenschwester doch mal anbieten, sich auf sein Gesicht zu setzen. Was er dann tut. Was sie dann macht. Und so weiter.

Fazit

Spannender Film, gutes Tempo, mutiges Thema, großartige Schauspieler. Ernst und Humor wechseln sich in angemessenem Tempo ab und am Ende hatte man Spaß im Kino, man hat etwas gelernt und etwas gefühlt. UND DESHALB GEHT MAN DOCH INS KINO, ODER NICHT?!

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