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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Im Frühjahr feierte Rebecca Zlotowskis »Ein leichtes Mädchen« Weltpremiere in Cannes, wo sich auch die Handlung des Films abspielt. In einer Welt in der man gepflegte Gespräche über Kunst führt und sich für letzte Nacht mit Luxusuhren bedankt, stellt sich einer jungen Frau die Frage nach möglichen Lebensentwürfen.

So stellt man ihn sich vor, den Sommer an der Côte d’Azur: Gehüllt in goldenes Sonnenlicht treffen kleine idyllische Buchten auf überdimensionierte, strahlend weiß polierte Yachten und junge, schöne Frauen auf ältere, dafür umso reichere Männer. In Luxushotels trifft man mehr Angestellte als Bewohner. Nach der Arbeit kehren sie zurück in einfache Plattenbauwohnungen.

Ein leichtes Mädchen (OT: Une fille facile)/ Rebecca Zlotowski / Frankreich / 2019 / 92 Minuten

Die Story

Obwohl die 16-jährige Naïma (Mina Farid) in Cannes aufwächst, hat sie noch nie ein Boot betreten. Das mondäne Leben kennt sie nur aus der Ferne. Das ändert sich als sie Besuch von ihrer Cousine Sofia (Zahia Dehar) bekommt, die im Gegensatz zu Naïma genau weiß, was sie vom Leben will: Teure Taschen, seidene Kleider und viel Bling. Sie hat verinnerlicht, wie man vorteilhafte Posen an Stränden und auf Deck einnimmt, sich über Literatur unterhält, die man nicht gelesen hat und dass man Augen mit ein bisschen Tape, katzenhafter aussehen lassen kann. Sie ist selbstbewusst und schön, sie lebt den Moment und weiß genau, welche Balzrituale reiche, gönnerhafte Männer anziehen.  

Naïma hingegen hat gerade ihren Schulabschluss hinter sich und soll nach dem Sommer entscheiden, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Für ihre Mutter begründet sich diese Entscheidung in der Wahl einer Ausbildung, durch Sofia lernt sie auch andere Lebensentwürfe kennen.

Und, wie finden wir das?

Erstmal befremdlich. Der Film beginnt mit lüsternen Kamerafahrten und plakativen Bildern, dann der Titel. Doch an Naïmas Seite nehmen wir die Rolle eines unbefangenen Beobachters ein. Neugierig, etwas naiv und frei von moralischen Urteilen blicken wir auf eine Frau, die kein Geheimnis um ihre Tauschgeschäfte macht, und auf Männer, die Aufmerksamkeit mit teuren Geschenken belohnen, und ebenso auf die immer anwesenden Bediensteten, die Champagner servieren, den sie sich nie leisten könnten.

Der Film erzählt sich leichtfüßig, doch im Zusammentreffen gegensätzlicher Charaktere entspinnt sich ein Netz aus Machtverhältnissen, die nicht immer so leicht zu bestimmen sind. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die nach Lebenskonzepten fragt, und danach, was Freiheit in einer kapitalistischen Gesellschaft sonst so bedeuten kann.

Schlechtester Dialog

Der Film ist reich an flachen Wortwechseln à la »Für ein Essen mit einem Mann sollte man schon gegessen haben«

»Warum?«

»Um nicht gierig zu wirken«.

Er spielt immer wieder mit Dialogen, irgendwo zwischen flacher Teeniekomödie und Softporno und schafft es doch, tiefere Verbindungen hervortreten zu lassen. Klischee und Vorurteil werden gegeneinander ausgespielt.

Reaktionen aus dem Publikum

Das Publikum blieb bis zum Ende und gab sich dem Film ungewohnt wortlos hin. Zum Schluss war man geteilter Meinung. »Französische Filme halt«.

Äh, und der Bechdel-Test?

Bestanden. Die Dialoge zwischen den Frauen sind platt und doch vielschichtig und für den Film bestimmend.

Fazit

Auf seichte Weise, umwoben von barbiehaften Klischees, schafft es der Film komplexe Figurenkonstellationen hervortreten zu lassen, zum Nachdenken anzuregen und mehr als nur irgendein Teeniefilm zu sein. 

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