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Eher zufällig hatte Regisseur Ladj Ly 2008 einen brutalen Polizeieinsatz in einem Pariser Vorort gefilmt, aufgrund dessen die Polizisten der Aufnahmen später verurteilt wurden. Darauf basiert nun sein beeindruckender Debutfilm »Die Wütenden – Les Misérables«, der bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte und dort den Preis der Jury gewann.

Drei junge Frauen stehen an der Bushaltestelle. Eine hört Musik, die anderen rauchen. Ein silberner Peugeot fährt langsam auf sie zu, aus dem offenen Fenster des Beifahrersitzes hängt lässig der Arm eines schwerbewaffneten Polizisten. Er grinst: »Die werden wir jetzt mal schön abtasten.«

Die Wütenden – Les Misérables (Les Misérables)/ Ladj Ly/ Frankreich/ 2019/ 103 Minuten

Die Story

Stéphane (Damien Bonnard) ist der Neue. Als Polizist eines Dreiergespanns soll er in einer Einheit zur Verbrechensbekämpfung in Montfermeil für Ordnung sorgen. Ausgerechnet an dem Ort, an dem vor 150 Jahren Victor Hugos Roman »Die Elenden« spielte. »Die Elenden« sei noch immer eine zutreffende Beschreibung, stellt Stéphane trocken fest, als er mit seinen Kollegen Chris (Alexis Manenti), der auch rosa Schweinchen genannt wird, und dem zurückhaltenden Gwada (Djibril Zonga) durch den heruntergekommen, ärmlichen Pariser Vorort fährt. 

Auf den Straßen spielen Kinder im Dreck, an den Häuserwänden werden Einkaufswägen an Seilen herausgezogen, weil der Aufzug mal wieder kaputt ist. Stéphane lernt schnell, dass in Montfermeil andere Regeln gelten: Ein muslimischer Gangster hat sich selbst zum Bürgermeister ernannt, seine Männer in orangefarbenen Warnwesten beherrschen als »Mediatoren« die Straßen. In Konkurrenz stehen sie zu anderen lokalen Banden, vor allem zu den striernackigen, muskelbepackten Männern aus dem Zirkus. Als denen ihr Löwenbaby Little Johnny geklaut wird, droht die Situation zu eskalieren und die Polizei will eingreifen. Schnell merkt Stéphane jedoch, dass auch seine Kollegen schon Teil der kriminellen Machtstrukturen geworden sind.

Und, wie finden wir das?

Überzeugend. Regisseur Ladj Lay wuchs selbst in Montfermeil auf. Für den Film hat er vor allem mit Menschen vor Ort gearbeitet und dutzende Laienschauspieler engagiert. Vielleicht entwickelt der Film deshalb eine ungeheure Sogkraft, die einen mitten hinein zieht in diesen verstörenden Mikrokosmos. Schonungslos ehrlich und dabei völlig unparteisch erzählt er von Armut, Wut und Ohnmacht, und irgendwann weiß man selbst nicht mehr, auf wessen Seite man steht oder wo überhaupt die Grenzen verlaufen. Oder, wie Ly Victor Hugo zitiert: »Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.« 

Schlechtester Dialog

An seinem ersten Arbeitstag wird Stéphane von seinem Kollegen Chris durch das neue Einsatzgebiet gefahren. Der kommentiert abfällig die Armut der Gegend: »Selbst die Nutten kosten nur noch 10 oder 20 Euro. Ein Blowjob sogar nur zwei Euro.« Pause. »Hast du zwei Euro dabei?«

Reaktionen aus dem Publikum

Anfängliche Lacher weichen einer gespannten, fast ängstlichen Stille. Zum Ende hin halten sich einige die Ohren oder Augen zu, in den hinteren Reihen wird geschluchzt.

Äh, und der Bechdel-Test?!

Durchgefallen. Im Reich der Gewalt und Kriminalität gibt es Frauen nur in Hinterzimmern, wo sie Essen zubereiten oder Hochzeiten planen. Oder als Jugendliche belästigt werden. 

Fazit

Aufreibende Reise in den Mikrokosmos eines Pariser Vorortes, die einen verstört zurücklässt.

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