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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Bei den Filmfestspielen von Cannes ‚außer Konkurrenz‘ debütiert, findet der neue Film von Drehbuchautor und Regisseur Nicolas Bedos nun seinen Weg ins reguläre Kino. Ob er wohl im Wettbewerb hätte bestehen können?

Eine piekfeine Dinnerparty irgendwann gegen Richtung des 18. Jh. Man amüsiert sich, triezt sich, und dann möchte eine Dame herausfinden, ob der Diener mit dunkler Haut der Hausherrin abfärbe. Weird. Auf einmal fahren draußen Autos vor und maskierte Bewaffnete überfallen die nun wieder moderne Gesellschaft, die nur so tut als ob. Weiter stellt sich das Ganze auch noch als Fernsehserie heraus, die gerade auf dem Tablet geguckt wird. The meta is strong with this one.

Die schönste Zeit unseres Lebens (OT: La belle époque ) / Nicolas Bedos/ Frankreich/ 2019/ 116 Minuten

Die Story

Für Victor (Daniel Auteuil) läuft es gerade nicht so gut: Die ganze moderne Technik ist nicht so das Seine, das zeichnerische Handwerk eher eingeschlafen und dann wirft ihn seine Frau Marianne (Fanny Ardant) auch noch aus der gemeinsamen Wohnung. Wenigstens hat er einen Gutschein für einen ganz besonderen Service geschenkt bekommen: Antoine (Guillaume Canet) bietet mithilfe von aufwendigen Sets und reihenweise Schauspielern immersive ‚Zeitreisen‘ an. Victor entscheidet sich für eine Woche im Jahr 1974 – eben jene Woche, in welcher er Marianne kennenlernte. Diese wird dort gespielt von Margot (Doria Tillier), welche wiederum eine etwas angespannte Beziehung zu Antoine hat. Und so dauert es nicht lange bis sich die Zeit-, Erzähl- und Beziehungsebenen anfangen zu vermischen.

Und, wie finden wir das?

Zunächst einmal überzeugen sowohl der Humor, der sich vor allem aus den bissigen Kommentaren und Gesprächen der Protagonisten speist, als auch die mehr dramatischen Momente, die zumeist genuin emotional bleiben ohne ins Überzogene auszuschlagen. Eine besondere Freude bereiten zudem die postmodernen Aspekte des Films, wenn die Prämisse der über Schauspielerei realisierten Zeitreise immer weiter ausgereizt und ausgelotet wird. »Woher willst du das wissen? Bist du Gott?« – »Nein, ich bin Drehbuchautor.« Auf wohl hunderten Seiten könnte man sich mit diesem Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion auseinandersetzen. Freiwillige vor!

Schlechtester Dialog

Als Psychoanalytikerin hat Marianne die unangenehme Eigenschaft immer wieder den Großpapa ihres Berufes zu zitieren. Freud sagte dies, Freud sagte das … Vielleicht sollten Leute einfach mal weniger unverdaut hochwürgen, was Freud so sagte.

Eine honorable mention geht noch an die ‚Kaffeebohnen-Rektal-Therapie‘, die aber auch vom Film selber auf die Schippe genommen wird.

Reaktionen aus dem Publikum

Man scheint gut unterhalten zu sein, oftmals ist neben dem eigenen auch fremdes Lachen zu hören. Und nach der Vorstellung heißt es von meiner Sitznachbarin älteren Jahrgangs in Richtung ihres Mannes: »Die einzige Schwäche des Films? Dass ich schon so alt bin.«

Äh, und der Bechdel-Test?

Soweit durchgefallen. Ein gemeinsamer Abend, also wohl auch ein längeres Gespräch zwischen Marianne und ihrer alten Freundin Gisèle wird zwar visuell angeteasert, dann aber nicht näher dargestellt. Die meisten Dialoge finden aber zwischen Personen unterschiedlicher Geschlechter statt.

Fazit

Immer wieder erwartete ich, dass »La belle époque« unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht – eine Metaspielerei zu viel, ein Witz, der nicht zündet, ein Moment, der dann doch in Pathos und Kitsch ertrinkt. Stattdessen wird alles perfekt getroffen und so bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zurückzulehnen und zu genießen.

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