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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

In Sacramento verläuft sich das Leben schnell in Pastelltönen – so aber nicht bei Lady Bird! Die Drama-Komödie um die High-School-Absolventin bietet Coming-Of-Age vom feinsten. Prämiert mit zwei Golden Globes und in fünf Kategorien für den OSCAR-nominiert.

Mutter und Tochter streiten im Auto. Tochter reißt die Tür auf, stürzt aus dem fahrenden Auto. Armgips. Herrlich entspannte Dramaturgie führt durch den schönsten Coming-Of-Age-Film dieses Jahres. Vielleicht einen der schönsten seit der Jahrtausendwende. Greta Gerwig und Saoirse Ronan haben einen echten Coup in unseren Herzen gelandet.

Greta Gerwig / Lady Bird / USA 2017

Die Story

17-Jährige, High-School, Liebesdramen. Das klingt nicht sonderlich originell. Doch Christine alias Lady Bird, verpasst der ganzen Portion Teenage-Angst ihren eigenen Dreh. Sie stellt sich gegen alle Erwartungen, die andere an sie haben. Ihre schlechten Mathenoten nimmt sie nicht hin – warum sollte sie nicht auch an der Matheolympiade teilnehmen können? Den ersten Schwarm trifft sie in der Musical-Gruppe und gewinnt ihn mit ihrer Gewitztheit schnell für sich. Die große Liebe verläuft sich aber schnell, als sie ihn knutschend mit einem Mitschüler antrifft.

Auf die erste Liebeskrise folgt dann eine Affäre mit dem in einer Rock-Band spielenden, affektierten Kyle. Der sich – voraussehbar – als Fuckboy entpuppt. Doch das sind nur Randgeschichten in der Erzählung um das Aufwachsen in der amerikanischen Fake-Idylle. Die eigentlich Dramatik ergibt sich aus den scheinbar nicht zu bewältigenden Geldsorgen ihrer Familie. Lady Bird’s Beharrlichkeit, ein teures College an der Ostküste besuchen zu wollen, stößt auf harsche Gegenwehr der Mutter, die ein Leben in Entbehrlichkeit führen muss. Bremsen lässt sie sich aber trotzdem nicht. Die Freiheit ruft. Um jeden – hier wörtlich zu nehmenden – Preis. Das Geld wird an allen Ecken und Enden hinter dem Rücken der Mutter zusammengekratzt. Egoismus oder Angepasstheit? Für Lady Bird stellt das keine Wahl dar.

Und, wie finden wir das?

Die Vielfachbelastungen der Familie, wie Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Depressionen und unterschiedliche Zukunftswünsche zeigen eine Realität, wie sie überall auf der Welt zu finden ist. Im starken Kontrast zu einem »American Dream« zeigt der Film den Kampf um das richtige Leben im falschen.

Das familiäre Gefühlsgefüge steht unter einem ständigen Druck und schafft es trotzdem, einen Zufluchtsort zu bieten: für einen heimlich depressiven Vater, dem der Arbeitsplatz gekündigt wird; einen großen Bruder, der trotz Elite-College-Abschluss Einkaufstüten im Supermarkt packt; dessen Freundin, die von ihren Eltern wegen vorehelichem Sex verstoßen wird und auch für Lady Birds ersten Freund Danny, welcher seine Homosexualität vor seiner katholischen Familie geheim hält.

Schlechtester Dialog

»I just wanted it to be special« ist die traurige Reaktion Lady Birds, als sie erfährt, dass sie ihren coolen neuen boyfriend gar nicht »deflowered« (entjungfert) hat, sondern er die Drei-Sekunden-Nummer schon ein paar mal hinter sich gebracht hat. Seine Antwort: »Why? You’re gonna have so much unspecial sex in your life.«

Reaktionen aus dem Publikum

Auf diesen Film hatten alle gehofft: die Arme gehen nach oben im voll besetzten Kino. Hier und da ein herzlicher Mitlachmoment, nie ein Lachen-Über. Dann Rollen die Tränen dank so viel realistischer Emotion. Im Nachbarsitz ein älterer Herr – nach Filmende vernehme ich ein für alle sprechendes: »WOW«.

Äh, und der Bechdel-Test?

Klar, bestanden. Tatsächlich fällt mir keine Szene ein, in der die Frauen über Männer reden. Lady Bird ist einer der wenigen Filme, in denen die Hollywood-gängige Rollenverteilung umgekehrt wird. Die Mutter als Hauptverdienerin der Familie hat mit emotionaler Zugänglichkeit zu kämpfen, wohingegen der Vater seine Depression und Ängste hinter seiner Fürsorglichkeit für seine Tochter versteckt. Hauptfigur Christine nennt sich selbst konsequent Lady Bird und macht auch sonst nicht das, was andere von ihr erwarten. Sie lenkt die Handlung, ihre Freundschaften, Romanzen und Beziehungen in der Familie und erkennt auch schmerzlich, dass ihre Entscheidungen nicht nur Folgen für sie selbst haben.  Mehr davon!

Fazit

Zwei Golden Globe Awards 2018 für die beste Filmkomödie und für die beste Hauptdarstellerin, sowie fünf OSCAR-Nominierungen – unter anderem als bester Film – sprechen für sich. Auf keinen Fall die Taschentücher vergessen! Endlich wieder vor Freude flennen. Die modischen Inspirationen sind übrigens auch nicht zu unterschätzen.

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Außer Lady Bird gab es in der letzten Woche folgende Themen…

Ein Herz für den Minimalismus.

Bei Evita wurde es stürmisch, wild und leidenschaftlich.

Die letzte Sneak zeigte mit Transit ein Highlight des deutschen Kinos.

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