Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Diese Woche in der Sneak: ein Indie-Film, der schon in Cannes gezeigt und für die Goldene Kamera nominiert wurde. Rohena Gera, die Regisseurin und Drehbuchautorin mit amerikanischer Filmausbildung malt ein realistisches Bild der weiblichen Emanzipation in der Arbeiterklasse in Mumbai.

Eine zarte Frau kniet vor ihrem Rollkoffer. Sie faltet bunte Stoffe und hebt ihren langen geflochtenen Zopf über die Schulter. Auf der mühseligen Busfahrt vom Dorf in die Stadt legt sie ihre Armreifen an, spielt mit Nadel und Faden und schaut verträumt aus dem Fenster. Der Verkehr wird dichter, die Straßen voller und die Unterschiede deutlicher.

Die Schneiderin der Träume / Rohena Gera / Indien, Frankreich 2018

Die Story

Ratna (Tillotama Shome) verwitwete bereits im Alter von 19 Jahren. Ihr Traum eines Studiums wurde durch einen Job als Hausmädchen abgelöst. Sie arbeitet für Ashwin (Vivek Gomber), der nach einer abgesagten Hochzeit wieder Junggeselle ist. Seine Freunde und Familie drängen ihn zur Versöhnung gegen seinen Willen. Die demütige Ratna mischt sich nicht ein aber versteht ihn wortlos und imponiert ihm damit. Zu einem geeigneten Zeitpunkt bittet sie ihn um Erlaubnis, tagsüber zum Schneidern auszugehen. Ash versteht, dass es nicht um Geld geht, sondern Ratna nach Weiterbildung und ihrem Traum strebt. Er verliebt sich aufrichtig in sie, doch sie ist sich ihrer Position in der Gesellschaft bewusst und steht vor einem lebensverändernden Entschluss.

Und, wie finden wir das?

Ein wunderbar realitätsnaher Film ohne viele Filter, doch mit vielen kurzatmigen, detailreichen Szenen, die dem Zuschauer eine intime Beobachterperspektive bieten. Die Klassenunterschiede sind sehr deutlich, aber nicht vordergründig. Ratna trägt einen gewickelten Saree, isst mit der Hand und schläft in einem kleinen Zimmer auf dem Boden, wohingegen die Reichen sich westlich kleiden, mit Besteck am Tisch essen und sich auch privat Englisch unterhalten. Ohne überschwappende Emotionen wünscht man den Protagonisten einfach, sich verwirklichen zu können.

Schlechtester Dialog

Insofern schlecht, weil Ashwins Charakterzüge und Beziehungsgeflechte sporadischer und daher unnatürlicher gezeigt werden. Ash besichtigt einen Hochhausbau mit seinem Chef bzw. Vater:

Ash: »Wir warten noch auf die Berater, um weiterzumachen.«

Vater: »Nachhaltigkeit ist schön und gut, solange sie uns nicht ruiniert.«

Reaktionen aus dem Publikum

Nüchterne Stille, die ich als aufmerksames Interesse interpretiere.

Äh, und der Bechdel-Test?

Absolut bestanden. Mit der benachbarten Haushälterin Lakshmi (Geetanjali Kulkarni) oder Ratnas Schwester wird nicht nur über Beziehungen mit Männern gesprochen, sondern auch über das Studium und persönlichen Erfolg.

Fazit

Keine leidenschaftliche Bollywood-Schnulze, sondern dokumentarähnliche, anregende Einblicke in das heutige Mumbai, ob in ganz arme Verhältnisse oder in das Leben der Reichen und deren abhängigen Bediensteten.

 

Du hast Lust auf mehr? Dann schau hier!

Coca-Cola gives its heart dieses Jahr auf jeden Fall nicht der AfD.

Felix freut sich auf das Schnaps- und Trasherlebnis im Bahnhofskino.

Bestellt euch hier die wunderschöne Printausgabe. Oder holt euch gleich ein Abo. Unterstützt uns bei Steady. Und kommt doch einfach mal vorbei. 

Besucht uns bei unseren Veranstaltungen: Lesungen, Pub-Quizzes, Partys oder dem 4,0-Award für die schlechteste Hausarbeit.

Du hast Lust auf mehr vom ZurQuelle Magazin? Wir freuen uns auf dich bei FacebookTwitter und Instagram.