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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Yuval Adlers deutsch-israelischer Spionage-Thriller feierte seine Premiere im Februar 2019 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Die literarische Vorlage »The English Teacher« von Yiftach Reicher basiert auf wahren Begebenheiten.

Ein Mann in grauem Jogginganzug rennt den Rhein entlang, vor ihm geht langsam die Sonne auf. Bedrohliche Hintergrundmusik. Wird er verfolgt? Oder dreht er nur eine Joggingrunde? Er hat gerade sein Auto erreicht, da kommt der Anruf: »Mein Vater ist gestorben. Schon wieder.« Dann ist die Leitung tot.

Die Agentin (OT: The Operative)/ Yuval Adler/ Deutschland, Frankreich, Israel, USA/ 118 Minuten

Die Story

Rachel (Diane Kruger) ist nirgendwo so richtig zu Hause. Sie spricht Französisch, Deutsch und Englisch fließend, hat in Kanada, Australien und Deutschland gelebt, von ihren Eltern wurde sie adoptiert. Oder war das schon Teil der Identität, die sie als Geheimagentin angenommen hat? Irgendwann ist sie sich selbst nicht mehr sicher. Von Thomas Hirsch (Martin Freeman) für den israelischen Geheimdienst Mossad rekrutiert, lebt sie als Spionin in Teheran, wo sie auf immer gefährlichere Missionen geschickt wird. Bis sie sich in eine Zielperson, den Geschäftsmann Farhad (Cas Anvar) verliebt und plötzlich spurlos verschwindet.

Und, wie finden wir das?

Wer actionreiche Szenen mit Schießereien und wilden Verfolgungsjagden erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen zeigt der Film, was das Agent:innenleben mit einer Person macht. Er zeigt, wie leise Gewalt und Grausamkeit in Wirklichkeit sind. Und dass sie sich eben auch gegen den richten, der sie anwendet. Getötet werden hier nicht wie bei James Bond fiese Bösewichte, sondern der unschuldige Typ, mit dem man sich vorher die Zigarette teilt. Das ist weniger actionreich, aber auch viel grausamer.

Trotzdem irritiert der Film: Ganze Handlungsstränge werden aufgemacht und dann nicht mehr aufgegriffen, Figuren und ihre Hintergründe werden eingeführt, die dann nie wieder erscheinen. Dass die Geschichte retrospektiv erzählt wird, sodass man seit der ersten Szene weiß, dass Rachel immer überleben wird, nimmt so viel Spannung wie es verwirrende Zeitebenen erschafft.

Schlechtester Dialog

Rachel möchte aussteigen, als sie im Fernsehen sieht, wie Kinder durch eine ihrer geschmuggelten Bomben sterben. Ihre männlichen Kollegen erklären genervt: »Das ist ein Krieg. In einem Krieg sterben unschuldige Menschen.«

Reaktionen aus dem Publikum

Abwartende Stille. Ein, zwei Personen verlassen den Saal. Am Ende gespaltene Meinungen: Die einen knüllen missmutig und enttäuscht ihre leere Popcorntüte zusammen, die anderen bleiben noch für den Abspann. Auf dem Weg zur U-Bahn bleibt eine Frau plötzlich seufzend stehen: »Dieser Film – eigentlich habe ich gar nichts verstanden.«

Äh, und der Bechdel-Test?

Nope. Tatsächlich wendet der Film viel Anstrengung auf, um jegliches feministisches Potential im Keim zu ersticken. Eine Frau in der Hauptrolle? Dann lassen wir ihre Geschichte doch retrospektiv von einem Mann erzählen! Eine Frau als erfolgreiche Agentin? Wartet, bis sie sich in einen Mann verliebt und ihre Gefühle durchdrehen! Und leider scheint es immer noch nicht möglich, eine vermeintlich starke Frauenrolle zu zeigen, ohne sie danach durch eine Vergewaltigung zu erniedrigen.

Fazit

Ein Film, der viele Fragen zurücklässt.

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