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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das. Diese Woche lief: Der Wein und der Wind

Ein Weinberg, aha. Wein, Wein und noch mehr Wein. So viel Wein – wird es in dem Film, der da gerade beginnt, etwa um Wein gehen? Der Wein bleibt. Weinberg im Winter, Weinberg im Frühling, Weinberg im Sommer, Herbst, Winter, Frühling … Dazu beschwingte Klaviermusik, ein wenig pathetisch. Ok, es geht also um Wein und um Zeit.

Der Wein und der Wind „Ce qui nous lie“, Cedrick Klapisch, Frankreich 2017

Die Story

Jean kommt nach zehn Jahren in der weiten Welt zurück nach Hause in den Burgund. Seine Mutter ist während seiner Abwesenheit gestorben, sein Vater stirbt kurz darauf. Nun muss das Erbe verwaltet, die Beziehung zu den beiden jüngeren Geschwistern, Bruder und Schwester, gekittet und die Vergangenheit aufgearbeitet werden. Dabei stets metaphorisch im Vordergrund: Der Weinberg und das Keltern des Weins.

Und, wie finden wir das?

Fernsehen ist schön und dieser Film könnte ein wunderbarer Fernsehfilm sein. Sonntagabends auf ZDF, vielleicht sogar auf Arte, schließlich handelt es sich um einen guten Franzosen mit Tiefgang.
Wie ein guter Roman verbindet der Film Metapher, Story und Einsichten in das Menschsein. Wie ein mittelmäßiger Hemingway geht er dabei auch bei Alltäglichkeiten in die Tiefe, beschreibt Handwerk anschaulich und verständlich. Und wie ein echter Hemingway handelt er nur die ganz großen Themen ab: Liebe, Familie, Tod, Zeit und so weiter. Das ist mitunter zu offensichtlich. Nicht so offensichtlich aber wie die ungeschickten Einsichten des Protagonisten, die er dem Publikum aus dem Off mitteilt. Als Jean am Anfang nach Hause kommt, heißt es da etwa „(…) Das hat mich gelehrt, dass die Reise nie zu Ende ist“ – dass eine Charakterentwicklung, ein Coming-of-Age auf uns zukommen würde, wäre schon nach dem Weinberg through the seasons klar gewesen.

Dann die ständigen, viel zu platten Metaphern. Wie stellt man dar, dass Zeit vergeht, dass Gras über eine Sache wächst? Man zeigt eine Weinrebe im Zeitraffer wachsen. Wie verdeutlicht man, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, sodass Charaktere sich nun von einer Last befreien können? Man lässt das Elternhaus renovieren. Naja, ein guter Hemingway hätte da hübschere, klügere Eisberge geliefert.

Trotzdem ist „Der Wein und der Wind“ ein schöner Film. Manchmal hat man sogar dieses seltsame Ziehen im Kiefer, das auch nicht weggeht, wenn man diesen ein bisschen streckt. Es ist noch kein echter Kloß im Hals, aber die Vorstufe dessen.

Schlechtester Dialog

„Mit der Liebe ist es wie mit dem Wein – Sie braucht Zeit.“ Anfangs war nicht klar, ob es die Liebe sein würde, die Zeit braucht, aber dies furchtbar klischeehafte Gleichnis musste kommen. Es MUSSTE kommen. Wie viel schöner der Film hätte sein können, wäre es nicht gekommen? Aber es kam.

Reaktionen aus dem Publikum

Gleich am Anfang steht da auf der Leinwand der Titel des Films in Schnörkelfont: „Ce qui nous lie“ und das Publikum lacht – ein Franzose? War ja klar, wir sind hier bei den Yorck-Kinos. Dann aber: Stille. Das Publikum lacht an den richtigen Stellen, denn der Film beweist immer mal wieder guten Humor. Der Blödel-Humor wird keines amüsierten Schnaufens bedacht, aber die klugen Wortgefechte der Schwiegereltern mit Jeans Bruder werden geradezu beklatscht. Guter Humor im Publikum – wir sind hier bei den Yorck-Kinos.

Äh, und der Bechdel-Test?

Man kann nicht alles haben, nicht wahr? Ist aber auch schwierig – Schließlich sind die Protagonisten zwei Brüder und eine Tochter, die Mutter tot. Sorry, hier ist schon von der Prämisse her nichts zu holen.

Kennst Du schon die letzte Sneak Review zu „Baby Driver“?

Fazit

Schön schön. Und ein bisschen doof. Aber Leute, die nicht so mega anspruchsvoll sind, wenn sie ins Kino gehen – Leute also, die sich keine Notizen machen – werden ihren Spaß haben. Denn der Film hat alles, was ein menschliches Leben ausmacht. Und alles, was das Leben einer Weinrebe ausmacht. Das beides wird verwoben. Das ist so deep.

Und vielleicht, ja vielleicht, werden sie sogar einen Kloß im Hals bekommen. Und sogar … weinen? But it’s something I can never do.

Bild: Filmstarts.de

  • Aber

    Bin mit allen Bemerkungen genau einverstanden – nur nicht mit dem Bechdel-Abschnitt. Nix Prämisse – es gibt im Film tolle Schwägerinnen, eine Schwiegermutter und temporäre Mitarbeiterinnen, außerdem eine Rückblenden-Mutter, mit denen durchaus das ein oder andere Gespräch denkbar gewesen wäre. Für die Brüder sind ja Gespräche außerhalb des Geschwisterkreises auch irgendwie möglich, haha!