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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Vogelgezwitscher und gleißendes Sonnenlicht, das sich durch goldbraunes Laub seine Wege bahnt und im leichten Nebel eine schöne, romantische Stimmung hervorruft, eröffnen die Szene. Dann: Ein Standbild nach dem anderen. Immer dasselbe Motiv, aber aus anderen Perspektiven. Plötzlich durchschneidet eine dreckige Hand die unangetastete Natur: das Proletariat Englands sammelt Holz.

Die Story

Regisseur Raoul Peck begleitet in seinem Film die beiden noch sehr jungen Freunde Karl Marx (August Diehl) und Friedrich Engels (Stefan Konarske) auf ihrem Weg, die Welt zu verändern. Das Europa der 1840er Jahre – die Zeit der Industrialisierung – birgt das extreme Elend der Arbeiter und modernen Sklaven. Durch seine Geliebte, Mary Burns (Hannah Steele), erhält Engels, Sohn eines Fabrikbesitzers, erschütternde Einblicke in das Leben der Arbeiterklasse. Seine leibhaften Erfahrungen sind das letzte Puzzlestück, das Marx zu einer rückhaltlosen Beschreibung der Krise noch fehlt. Gemeinsam mit Jenny Marx (Vicky Krieps) erarbeiten sie Schriften, die die Revolution entzünden sollen.

Und wie finden wir das?

Wer „Das Kapital“ schon lange auf seiner To-Read-Liste stehen hat und die paar tausend Seiten aus unerklärlichen Gründen immer noch nicht durchgeprügelt hat, der wird mit diesem Film vielleicht endlich den ausschlaggebenden Motivations-Stups bekommen. Vorwegnehmen wird es einem jedoch nichts, denn im Film geht es vor allem um den voranstehenden Prozess ihrer Vision – was vielleicht sogar viel spannender ist. Das gesamte Liebes-Gedöns hätte man dabei ein wenig in den Hintergrund stellen können, denn irgendwie ist es am Ende ja doch immer das Gleiche. Zwei, aus verschiedenen gesellschaftlichen Klassen, verlieben sich heimlich und derjenige aus der höher gestellten Schicht wird daraufhin von seinen übrigen Genossen verstoßen. Die Schauspieler scheinen perfekt in ihre Rollen geschlüpft zu sein und es macht großen Spaß ihnen zuzusehen, ganz besonders August Diehl (Karl Marx). Er hinterlässt mit seiner sowohl ernsten, aber zugleich auch humorvollen Art einen höchst authentischen Eindruck und sieht sogar beim Kotzen unverschämt gut aus. Seine Gemahlin Jenny erinnert hin und wieder an Keira Knightley.

Gemeinsam mit Engels verbreitet das eingespielte Trio große Energie. Tatendrang liegt in der Luft – sogar im stickigen Kinosaal.

Schlechtester Dialog

Friedrich Engels sagt, während er Mary Burns zum ersten Mal näherkommt und beweisen will, dass er kein gestriegelter Dandy ist: „Ich hasse Gentlemen, sie sind Leute, die Fett ansetzen vom Schweiß ihrer Arbeiter.“

Jemand aus der Arbeiterklasse geht dazwischen: „Das ist eine Hand Ihrer Arbeiter und die landet gleich auf Ihrer Gentleman-Nase, wenn Sie nicht sofort verschwinden.“

KLATSCH

Mary Burns: „Sind Sie verletzt?“

Friedrich Engels schaut sie verträumt an und haucht: „Jahhh, auf wunderbare Art und Weise.“

Reaktionen aus dem Publikum

Viel Gekicher. Ein jüngerer Mann ist bei ungefähr zwei Drittel des Filmes aufgestanden und gegangen. Entweder er hat das komplette Kapital schon durch und ist der größte Marx-Versteher, oder aber er ist überzeugter Kapitalist und wollte sich den Marx’schen Kram nicht geben.

Äh, und der Bechdel-Test?

Gerade so. Die zwei Hauptdarsteller Marx und Engels haben ja immerhin ihre beiden Frauen Jenny und Mary an ihren Seiten. Einen kurzen Dialog führen sie sogar auch untereinander. Dieser wiederum dreht sich um das einzige Thema, das die gebärfähige Spezies Frau scheinbar zu besprechen hat: Kinderkriegen.

Nichtsdestotrotz werden Jenny und Mary, den gesellschaftlichen Umständen dieser Zeit entsprechend, einen großen Einfluss auf den Erfolg ihrer Männer zugesprochen.

Fazit

Endlich mal wieder ein unterhaltsamer Film, aus dem man rausgeht und auch noch was gelernt hat!

Bild: Filmstarts.de