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Die letzten Wochen sind französischer Overload in der Sneak. Diesmal ein Film über eine Tagesstätte für obdachlose Frauen. Um seinen Film so realistisch wie möglich zu halten, arbeitet Regisseur Louis-Julien Petit selbst für ein Jahr im Obdachlosenheim und holte – nun ehemalige – Obdachlose in das Ensemble hinzu.

Die Luft ist feucht. Die Socken auch. Früh morgens warten mehrere Frauen vor einem verschlossenen Tor. In den Händen halten sie große Tragetaschen, Trolleys, Kinderwagen und auch Koffer. Außerdem ihren handbeschrifteten Ausweis mit Pseudonymen wie Brigitte Macron oder Bardot.

Der Glanz der Unsichtbaren (OT: Les Invisibles)/ Louis-Julien Petit / Frankreich / 2018 / 102 Minuten

Die Story

Die Tagesstätte für obdachlose Frauen öffnet von 8 bis 18 Uhr die Pforten und bietet Duschen, Wäschewaschen, eine warme Mahlzeit und Gesellschaft, nur schlafen ist gesetzlich verboten. Auch soll sie den Frauen bei der Wiedereingliederung helfen. Doch der Stadtrat empfindet die Erfolgsquote für zu gering und kündigt die Schließung der Tagesstätte an. Die Sozialarbeiterinnen Manu (Corinne Masiero), Audrey (Audrey Lamy) und Hélène (Noémie Lvovsky) nehmen sich bis dahin vor so vielen Frauen wie möglich zu helfen Fuß zu fassen und haben zwischen gesetzlicher Moral und fürsorglicher Menschenliebe zu entscheiden.

Und, wie finden wir das?

Das Thema Obdachlosigkeit – insbesondere unter Frauen – aufzugreifen, überzeugt sofort. Anders als der im Überfluss existierende Titel, ist die Materie etwas neueres in der Filmlandschaft. Polizeiräumungen von Zeltlagern oder das Anbringen von Spitzen, Haken oder Griffen auf Parkbänken oder tiefen Fensterläden zeugt von der Vertreibung der Obdachlosen in der Stadt. Doch welche Möglichkeiten gibt es für sie? Das versucht der Film auf persönlicher Ebene zu zeigen. Viele der porträtierten obdachlosen Frauen (Adolpha Van Meerhaeghe) waren selbst bis zu den Dreharbeiten auf der Straße und spielen sich selbst. Hier ist der große Vorsprung des Films spürbar, da Authentizität und Humor zum Vorschein kommen. Im Gegensatz zu den generisch erzählten und schon tausend mal gesehenen Storylines der Sozialarbeiterinnen, die teils schockierendes anschneiden und nicht mal weitergesponnen werden.

Kennt ihr auch diese mit upbeat funky Musik hinterlegten Montagen, die den Prozess und Fortschritt eines make overs zeigen? Sie ziehen einen richtig mit und man denkt sich so: »Wow, was eine Veränderung! Was wurde nur alles geschafft! Klasse!« Ja, solche Gefühle werden gerne und generisch im Film evoziert. Die Musik ist von subtil oder neutral weit entfernt, sondern eher right in your face: »Los, fühl Verzweiflung und Trauer!« oder »Komm schon! Sofort happy face!« Das nervt.

Schlechtester Dialog

Script-technischen gar nicht schlecht, sondern auf das reale Leben übertragen einfach zum Kotzen.

Ein Zeltlager von Obdachlosen wird von der obersten Gewalt geräumt und sofort recycelt.

Obdachlose Frau: »Aber das ist mein Haus!«

Polizist: »Nein, das ist ein Zelt.«

Reaktionen aus dem Publikum

Der Film bringt zum Lachen. Auf dem Weg aus dem Kino höre ich was ich mir schon selber denke: »War ja klar, dass die mit den Dreadlocks drogenabhängig sein musste.« Einfach vorhersehbar, irgendwie auf Stereotypen und Vorurteilen basierend.

Äh, und der Bechdel-Test?

Hunderprozentig bestanden. Eine Vielzahl an Frauen, die sich um mehr als Männer sorgen.

Fazit

Sozialkritischer, menschennaher Film, der dir ins Gesicht schlägt und sagt was du fühlen sollst.

Die Geschichten, Gefühle und Perspektiven der obdachlosen Frauen heben sich von dem Generischen ab und machen ihn sehenswert.

Schauempfehlung: (wie immer) im Original.

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