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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Zehn Jahre nach »Willkommen bei den Scht‘is« versucht sich Dany Boon an einer Wiederverwertung seines begrenzt witzigen Family-Allrounders. Dialekt sprechendes Landproletariat trifft auf versnobte Pariser Upperclass-Fuzzis. Konflikt wird mit ganz viel Verständnis, gutem Willen und Alle-haben-sich-trotzdem-lieb begegnet.

Ein Interview in einem schicken Studio. Ein Pärchen, gut gekleidet, spricht über Inspiration: Der Genuss des Nichts, der Sinn der Leere – fast glaubt man, es könnte sich um eine existentielle Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Seins handeln. Über Versuchen und Scheitern und Wege zur Kunst. Schnell wird klar: Hier wird der Pariser Snobismus ins triefende Klischee hinein parodiert.

Dany Boon / Une jolie ch’tite famille (Die Scht’is in Paris: Eine Familie auf Abwegen) / Frankreich 2018

Die Story

Valentin D. (Dany Boon) ist der preisgekrönte Medienliebling der Pariser Designelite. Zusammen mit seiner Frau Constance (Laurence Arné) hat er sich eine Existenz fernab seiner ländlichen Wurzeln aufgebaut. Offiziell und der Erfolgsaussicht wegen zum Waisenkind erklärt, hat er den Kontakt zu seiner Sch’tis sprechenden Familie aus dem Norden vollständig abgebrochen. Als die auf einmal zum 80. Geburtstag seiner Mutter vor versammeltem Kunstpublikum auftaucht, treffen zwei Welten aufeinander – und der Schwindel fliegt auf. Nach einem unvorhergesehenen Autounfall verliert Valentin zudem sein Gedächtnis, sodass er sich auf einmal wieder wie der tölpelhafte Siebzehnjährige benimmt, der das Dorf nie verlassen hat. Mit ganz viel Liebe und Verständnis nähern sich das Pärchen, aber auch die entfremdete Familie langsam wieder einander an.

Und, wie finden wir das?

Was zuallererst auffällt und in einer OmU-Vorstellung besonders hängen bleibt, ist der furchtbar übersetzte Scht’is-Kunstdialekt, der von Anfang bis Ende über die Leinwand flimmert. Viele Doppel-O’s und sch’s treffen auf platten Slapstick, den manche vielleicht bereits aus dem Vorgänger »Willkommen bei den Scht’is« kennen. Für seine Interpretation hat die Übersetzung damals den Deutschen Preis für Synchron erhalten, leider ist in der schriftlichen Fassung davon nicht allzu viel zu spüren. Ist natürlich alles Geschmackssache, vor allem in Bezug auf den Humor.

Dennoch treffen hier so einfältig gezeichnete Stereotype aufeinander, dass jeder Ansatz, ein bisschen Tiefe ins Geschehen tröpfeln zu lassen – zum Beispiel durch die anklingende Demenz der Mutter oder den Konflikt zwischen Constance und ihrem Vater – sofort erstickt wird. Die Scht’is, sozusagen das personifizierte Sachsen Frankreichs, sollen natürlich liebevoll inszenierte Klischees sein, die durch ihre Schwächen und Stärken zu den genauso stereotyp arroganten Großstädtern finden. Leider ist das alles so unglaublich vorhersehbar und kann deshalb nur noch als familiäre Frühabendunterhaltung herhalten – alle haben gelacht und geweint, geliebt und gelebt, die große Familie liegt sich lachend in den Armen, es ist so schön, man möchte brechen.

Schlechtester Dialog

Wenn man die Untertitel mitliest und sich dazu im Kopf vorstellt, wie das ausgesprochen klingen muss, runzeln sich die Augenbrauen wie von allein. Beim »pflegeleischte« Anzug von Valentins Bruder zum Beispiel, der leider in der Waschmaschine eingelaufen ist und seine Wampe nun nicht mehr ausreichend bedeckt. Schließlich »muschte den trocke reinige lasse!« Das ist aber natürlich trotzdem kein Grund, »sisch nischt zu lieben wie man ischt«. Nischt wahr, du kleinesch Tschipferl?

Reaktionen aus dem Publikum

Es ist schockierend. Je weiter ich vor Schamesröte im Stuhl versinke, desto lauter wird das Lachen im Hintergrund. Vielleicht habe ich keinen Humor? Vielleicht sind alle anderen gerade zum ersten Mal im Kino? Offenbar herrscht Bombenstimmung. Ein besonders lauter Bariton schallt aus einer Ecke heraus. Ich trinke lieber noch etwas reingeschmuggelten Schnaps.

Äh, und der Bechdel-Test?

Forget it. Besonders traurig ist, dass Valentins Ehefrau Constance am Anfang tatsächlich eine Textzeile bekommt, in der sie sich darüber aufregen darf, von Außenstehenden immer nur als die Muse des großen Künstlers gesehen zu werden. Dass die einzige Funktion ihrer Figur leider genau das ist, war scheinbar keinem wirklich aufgefallen.

Fazit

Tu. Es. Nicht.

 

 

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Außer Die Scht’is in Paris gab es in der letzten Woche folgende Themen…

Das letzte Herz ging ans Spahnferkel. Ein Herz für Jens Spahn.

Patrick war im B-Movie in Hamburg und hat sich japanische Trashfilme angeguckt.

Unsere Autorin Vanessa hat die neue Show von Klaas (»Late Night Berlin«) besprochen.

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