Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Du bist blank? Hast kaum noch einen Cent? Dann versuche dein Glück beim Hütchenspiel aufm Kurfürstendamm.

Aus dem Nichts zeichnen sich dort plötzlich kleine Menscheninseln im Touristinnenmeer ab. Es ist schwer, an ihnen vorbeizukommen. Immer mehr Menschen werden von der Strömung in die Menschentraube getrieben, die sich in wenigen Sekunden um einen Mann gebildet hat, der auf dem Boden kniet und drei kleine Becher hin- und herschiebt.

Eigentlich weiß eine jede, dass diese Spiele getürkt sind. Und doch setzt ein Mann mit schwerem Osteuropäischen Akzent – bestimmt ein reicher russischer Handelsreisender – „Fifty Euro“ und drückt sie dem Casinobetreiber auf dem Bordstein ins Händchen. Er gewinnt: Eine Erfolgsgeschichte, wie sie nur das Leben auf dem Ku’damm schreiben kann. Eine Frau in Gepardenweste, die sich eben dazugestellt hat, geht auch gleich mit einem Kopfsprung rein: „Twenty, please!“ Und ein Zwanziger wechselt die Besitzerin. Wieder gibt es eine Gewinnerin. Diese scheint sich jedoch nicht sonderlich zu freuen, so als gehöre das Gewinnen beim Glücksspiel für sie zum täglich Brot. Vielleicht tut es das.

Einen verstohlenen Blick über die Schulter später, und die Insel ist schon wieder verschwunden. Es ist fast so, als habe sie niemals existiert. Mit der Insel sind auch die beiden stolzen Gewinner ohne ein Wort davongegangen. Der Beobachter bleibt ein wenig perplex zurück mit einem Gefühl, als habe er gerade eine Fata Morgana gesehen, als hätte er gesehen, wie in der Wüste für wenige Minuten eine Oase erschien. Eine Oase des Glücks, in der Geld ohne große Umstände fließt, in der jede Glücksritterin auf ihre Kosten kommt. Er blickt sich um, sieht den Ku’damm und ist sich deren Existenz nicht mehr sicher.

Doch bereits am nächsten Tag begegnet er der gleichen Konstellation von Menschen eine Straßenecke weiter erneut. Heute ist es die Frau in der Gepardenweste, die auf dem Boden sitzt und Becher schiebt. Doch heute bleibt er nicht mehr stehen.