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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Welche Nicht-Fleischesserin musste sich das nicht schon anhören: “Eigentlich ist das doch alles Unsinn mit dem Klimaschutz! Die Sojaproduktion für eure Tofu-Bolognese zerstört den Regenwald!“ Hier eine kleine Aufklärungsgeschichte.

Stellen wir uns Brandenburg vor, in seiner wundervollen Weite, von Cottbus bis nach Wittenberge, von Lübben bis nach Prenzlau. Das misst, Berlin mit einbezogen, etwa 30.370 Quadratkilometer – inklusive Wasserflächen.

Diese Zahl entspricht der Anbaufläche von Soja für den gesamtdeutschen Verbrauch, außerhalb von Europa und ohne Wasserflächen. Das bedeutet also, dass eine Fläche der Größe der Metropolregion Berlin-Brandenburg für unseren Sojabedarf herhalten muss. Natürlich davon abgesehen, dass jene Metropolregion gefühlt nur aus Seen besteht, es also um eine Landfläche von noch viel größeren Ausmaßen geht. Die gleiche Fläche wird in etwa für den Anbau von Weizen in Deutschland benötigt, dem hierzulande meist konsumierten Getreide.

Dass Prenzlberg-Mamis ihren Soja-Latte lieben, das wussten wir ja, aber 30.000 Quadratkilometer?! Das scheint doch etwas viel: Wofür wird also das ganze Soja gebraucht?

Etwa 98 Prozent des Sojaschrots wird aufgrund seines hohen Eiweißanteils zu Kraftfutter für die Geflügel-, Rinder- und Schweinemast verarbeitet. Für einen Liter Milch werden 50 Gramm verarbeitet, für ein Kilo Rindfleisch ganze 920 Gramm. Das bedeutet, dass bereits das eingesetzte Soja allein nahezu dem Gewicht des daraus gewonnenen Fleisches entspricht. Das dafür benötigte Soja wird zu fast 100 Prozent importiert. Hauptanbaugebiete für Soja sind die USA, Argentinien, Brasilien und China, und da die USA als die größte Sojaproduzentin hauptsächlich für den eigenen Markt produziert, kommt der größte Teil unseres Sojas aus Lateinamerika. Insofern geht die ursprüngliche Rechnung mit dem zerstörten Regenwald also auf.

Der Rest der Pflanze wird hauptsächlich zu Sojaöl weiterverarbeitet, das zumeist zur Herstellung von Dieselkraftstoff verwandt wird. Dieses Öl ist günstiger als Rapsöl, obwohl Raps eigentlich viel ergiebiger ist und für die gleiche Menge Öl nur ein Drittel der Anbaufläche benötigt würde.

Nicht nur die Zerstörung des Regenwaldes ist fatal für die Umwelt. Denn die eingesetzten Pestizide und Düngemittel vergiften die Böden. Gleichzeitig werden sie langfristig unbrauchbar, weil über Jahre nur Soja auf den Nutzflächen angebaut wird, das dem Boden die Nährstoffe entzieht, die Monokultur ihm aber nichts zurückgibt. Neue Waldflächen müssen gerodet werden. Neben den Folgen für die Umwelt hat oft auch die Bevölkerung in den Anbauländern zu leiden: In Brasilien beispielsweise gehört fast die Hälfte der Landesfläche nur einem Prozent der Einwohner, die ärmere Landbevölkerung muss der Rodung für den Soja-Anbau immer weiter ausweichen. Es gibt eine Nahrungsmittelunterversorgung, aber die landwirtschaftliche Nutzfläche dient dem Sojaanbau für den Export, von dem vor allem die Reichen des Landes profitieren. Langsam wird deutlich: Hier ist einiges an Dreck am Stecken!

Aber woher kommen dann die Sojabohnen in der Sojamilch?

Offiziell darf Sojamilch nicht einmal „Milch“ heißen, da 1987 durch eine EU-Verordnung festgelegt wurde, dass die „Bezeichnung ,Milch‘ […] ausschließlich dem durch ein- oder mehrmaliges Melken gewonnenen Erzeugnis der normalen Eutersekretion, ohne jeglichen Zusatz oder Entzug” vorbehalten ist. Wie oft die Sonne wohl gemolken werden musste und wie man sich Sonnen-Euter-Sekretion für die Sonnenmilchherstellung vorzustellen hat? Doch zurück zur Bohne.

Die Herkunftsländer der Sojabohnen für die deutsche Sojanahrungsmittelproduktion, also Yofu (Sojajoghurt), Sojadrinks, Sojasahne et cetera und bezogen auf die Marktführer sind vor allem Deutschland, Österreich, Italien, Kanada und Frankreich. Also nichts mit Regenwald. Jenes Soja ist meist biologisch angebaut, Gentechnikfreiheit daher Standard. Soja in Europa anzubauen wird immer stärker bevorzugt und obwohl dies in großen Teilen Deutschlands aufgrund der Wetterverhältnisse schwieriger ist, arbeiten Forscherinnen an neuen, gentechnikfreien Züchtungen, die an das gröbere Klima angepasst sind. Es soll auf eine Selbstversorgung hingearbeitet werden, auch wenn dies, angesichts der Mengen, die für die Fleisch- und Milchzucht benötigt werden, noch utopisch klingt.

Soja wirft viele Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf die Masttierhaltung und darauf, welche Auswirkungen das „Mastfutter“, das angereicherte Extrafutter, längerfristig auf unsere Gesundheit hat. Auch die Reaktion des eigenen Körpers auf Soja ist individuell abzuschätzen und bei einigen Personen kommt es bei längerem und exzessivem Verbrauch zu leichter Unverträglichkeit. Wie gesund es für den eigenen Körper ist und wie viel man vom Protein-Hype hält, ist eben eine andere Frage. Dessen sollte man sich auch bei Produkten, die direkt aus Sojabohnen hergestellt werden, bewusst sein.

Jene aber grundsätzlich und auf der Basis von Halbwissen zu verurteilen und dann genüsslich in den Cheeseburger oder das Schweinemett zu beißen, ist unreflektiert – bei Grilltofu muss wenigstens niemand für den eigenen Konsum leiden.