Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Heimat? Das klingt nach Tal und Wiesen, nach Braten und „jeder kennt jeden“. Gibt es sie in Berlin überhaupt und jeden, der neu zuzieht? Das Stück Heimatgefühle von WARTE11 sucht nach Antworten.

Einer der ersten warmen Abende in der Stadt und die Gruppe von Kunstbegeisterten und Freundesfreunden bibbert in den ausgekühlten Hallen der Spreewerke, in denen einst die ersten Euromünzen geprägt wurden. „Der gute Mensch ist stumm“, steht auf dem Fetzen goldener Rettungsdecke in meiner Hand, den Lea am Anfang ihrer Performance emsig mit Filzstift bekritzelt und im Publikum verteilt hat.

Dieser gute Mensch wird im sogenannten Territorium unter einer Kuppel abgeschottet, um mit anderen stummen, arbeitenden, berechenbaren Menschen eine profitable Gemeinschaft zu bilden, die unter allen Umständen in diesem Zustand bleiben muss. Zwei von diesen Menschen, Nils und Lea, nur mit A und B betitelt, sind stellvertretend für uns auf der Bühne und repräsentieren dieses „Heimatvakuum“.

Omas warmer Apfelkuchen

Heimat kann ein wohliges Gefühl sein. Wie Omas warmer Apfelkuchen, der auch prompt zerteilt und durch die Bänke gereicht wird und auf dankbare Bäuche trifft. Heimat und was dazu gehört kann einem aber auch mit ihrer Süße das Maul stopfen, den Atem nehmen, wie durch die komplette Packung Zucker, die sich Lea unbeirrt selbstgeißelnd in den Mund kippt. Ein durch das goldene Folienlicht wunderschön inszenierter, nicht enden sollender Akt, wäre man nicht um ihre Gesundheit besorgt. Diese Besorgnis wird sich an diesem Abend noch das ein oder andere Mal einstellen.

WARTE11

Wieder muss die Rettungsdecke, die den Saal ziert, herhalten, um die Köpfe der beiden wie Dauerlutscher zu umwickeln. So wenig zimperlich wie geschickt sind sie mit dem Kreppband, das sie um ihre Hälse schnüren, das aber auch dazu dient, mit raschen Bewegungen einen Wolf mit Reiszähnen auf dem Boden des Spreewerks entstehen zu lassen, in dessen Magen sich Lea daraufhin keuchend krümmen wird. Ein Schelm, wer Kuchen essend und Wein trinkend an Rotkäppchen und deren Endgegner denkt.

Die Kuppelgemeinschaft ist in Festtagsstimmung. Altbacken und futuristisch zugleich mutet dieser Nicht-Ort in unserer Imagination an. Von Fackeln ist die Rede und der Verifizierung von Fingerabdrücken. Was ist das für ein Ort, der unbedingt geschützt sein will? Und vor wem eigentlich? Wer möchte unter dieser Kuppel wohnen? In ihrem Vakuum zerplatzen?

Zucker und Apfelreste werden derweil unter den schweren schwarzen Stiefeln der beiden zu einem zweiten Kuchenteig gestampft. Es sind alles in allem eher Assoziationsfetzen, die zu einem Bild verwoben werden. Eine rahmengebende Handlung wird abwechselnd von den Akteuren durchs Mikro hindurch gesprochen, bleibt allerdings hinter den gebotenen Bildern zurück.

Ein totes Dorf

Das Licht wandelt sich von gülden zu kalt, der Herr Oberbürgermeistergeneral scheint große Pläne zu haben. Alles soll noch hervorragender werden in dieser abgeschirmten Welt. Gläserne Leitern sollte man jedoch nicht erklimmen. Er wankt und stürzt, eine sagenumwobene Pumpe wird angerollt, ein altertümlicher gelber Staubsauger.

„Diese Pumpe macht dich zum Gott deiner Welt“, tönt es durch den Lautsprecher. Noch immer sehen wir nichts als zwei grau gekleidete Menschen auf einem mit Zucker bedecktem Boden. Doch das reicht vollkommen für große Bilder: Nils im silbernen Foliensack und Lea, die „die Pumpe“ an ihn anschließt. Langsam entweicht dem Sack alle Luft, die Umrisse eines spärlich atmenden Alu-Embryos bleiben. Das Dorf ist tot. Die Pumpe saugt Luft und Leben auf.

Das Dorf Europa

Der Erstickungstod ist das große Beklemmungsgefühl, das die Zuschauerinnen aus den kalten Hallen in die sehr viel wärmere Nacht mit hinausnehmen. Wie auch durch die Rettungsdecken wird hier das Bild heimatloser gedrängter Menschen heraufbeschworen, die auf der Überfahrt ihr Leben lassen. Ebenso zeugt das Abschnüren der Atemluft von einer Angst vor Überfremdung, der dörflichen Gemeinde, die um ihren Alltag, ihre Schrebergärten, ihre Feuerwehrfeste bangt und sich nach außen hin abschirmt.

13173329_818793894919980_1413044284857684811_o

Expliziert wird von alledem nichts: Vielmehr liegt es am Publikum, die angerissenen Thematiken, die heraufbeschworenen beklemmenden Gefühle zu sortieren. Unterstützt wird dies durch das Arrangement der Sitze, durch welches das Publikum stetig dem Blick der anderen ausgeliefert ist.

Hier ist nichts falsch und ebenso wenig richtig. Was sind das für Grenzen, die wir um uns errichten? Was für ein Dorf will Europa sein? So luftleer der Raum auch gepumpt sein mag, so viel Freiraum für Assoziationen wird vom Stück hier gelassen. An einem dunkel-kalten Ort voller heimeliger Kuchenkrümel, der die Währung der Eurozone hervorbrachte.

Yana Duckwitz