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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Dieses Jahr scheint das Jahr der Sport-Filmbiografien zu sein. Nach Borg und McEnroe und Billie Jean begab sich Anke nun für uns aufs Eis und berichtet von Tonya Harding und dem Film I, Tonya.

Kinder laufen über das Eis. Mittendrin steht eine Mutter mit einer Vierjährigen. Gerade ist die Tochter als Trainingskandidatin abgelehnt worden, weil sie zu jung ist. Die Mutter wirft die Zigarette aufs Eis, es steigt noch ein bisschen Rauch auf, die Asche fällt ab. »I am sorry, but there is no smoking on the ice«, sagt die Trainerin eisig höflich, aber da läuft die Kleine schon los. Gigantisch gut. Die Musik setzt ein mit den ersten Worten: »Beautiful Girl« aus dem Song »Gone Daddy Gone« von den Violent Femmes.

I, Tonya, Craig Gillespie, USA 2017

Die Story

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Tonya Harding (Margot Robbie) ist Eiskunstläuferin, wächst bei ihrer alleinerziehenden Mutter (Allison Jenney) auf, heiratet fatalerweise Jeff (Sebastian Stan) und tritt zwei Mal für die USA bei Olympia (1992 und 1994) an – aber das ist nun wirklich nur die oberste Eisschicht des Films. Sobald man tiefer guckt, geht es um gläserne Decken der Gesellschaft, Mut, das Geräusch von unter Bewegung ächzendem Eis und die Kraft der Wut.

Und, wie finden wir das?

Es gibt mehrere Wahrheiten. Verschiedene Personen kommentieren das Geschehen mit einem Voice-over. Und die Bilder widersprechen allen von ihnen.

Verschiedene Montagen erklären ein und dasselbe auf eine andere Weise. Den dreifachen Axel zum Beispiel, den Tonya als erste amerikanische Frau überhaupt gesprungen ist. In einer anderen Montage beschreiben Tonya und ihr Mann mit denselben Worten den Zustand ihrer Ehe, tun das aber jeweils in völlig anderer Verfassung und Betonung.
Was ist Wahrheit?

Die Gesellschaft scheitert mit ihren Ansprüchen an Tonya. Sie ist einfach trotzdem gut. Tonya wiederum scheitert an den Unsinnigkeiten und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft. »Why can‘t it only be about the skating?« – »We also judge on presentation.« Sie verhandelt mit dem Richter, dem Freund ihrer Mutter, der die Familie verlässt, mit der Jury. Sie diskutiert, sie bettelt, sie kämpft.

Die Kamera macht das alles mit. Oder mehr noch: Sie übernimmt den anderen Tango-Part. Es sind die Bewegungen, die Tonya über die anderen Läuferinnen hinaus katapultieren, auf dem Eis, mit dem Auto, in ihren Beziehungen.

Und die Musik ist so gigantisch gut, dass ich hier den Soundtrack verlinken muss.

Schlechtester Dialog

Wenn man beim ersten Date gleich der Mutter vorgestellt wird, kann das nur schiefgehen.

Mutter von Tonya: »Are you a gardener or a flower, John?«

Tonyas Freund: »It‘s Jeff.«

Mutter: »I am a gardener who wants to be a flower. How fucked am I?«

Wenn man das schon als schlechtesten Dialog auswählt, weiß man: Hier sitzen die Pointen.

Reaktionen aus dem Publikum

Erst war es voll. Es war echt eng. MEHRfache laute Lacher, einmal quer durch das Kino durch und dann nicht wieder zurück, weil vorne immer noch gelacht wurde. Alle blieben, die ganzen vollen zwei Stunden.

Äh, und  der Bechdel-Test?

Hell, yes. Das ist ein Film, in dem es die ganze Zeit um die Träume, Wünsche und Ziele einer Frau geht. Ein Film, der funktioniert, weil man mit ihr mitfühlen kann – nicht weil sie mit einem Mann mitfühlt (und der dann die eigentliche Identifikationsfigur ist).

Fazit

Groß, großartig, man muss reingehen! Und damit meine ich alle: Leute, die 80er-Jahre-Mode lieben, Leute die Sport lieben, Leute die Musik lieben, Leute die Action, Drama, geile Kamerafahrten lieben und natürlich alle, die gerne lachen.

Außer I, Tonya, gab es diese Woche folgende Themen

Die letzte Sneak war nichts für schwache Nerven: The Killing of a sacred Deer

Felix schrieb einen Kommentar zum 4,0-Award und akademisches Scheitern.

Bei 10 Dinge: 10 Dinge, die wahrscheinlicher sind als Neuwahlen.

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