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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

»Im Großen und Ganzen versuche ich, da Staub aufzuwirbeln, wo es eh schon dreckig ist.«

Es kommt selten vor, dass ich ein Buch in drei Tagen durchlese. Weil Arbeit, leben, Netflix, ihr versteht. Mit Margarete Stokowskis Büchern ist das anders. Vor ein paar Monaten drückte mir ein Kumpel ihr Erstlingswerk  »Untenrum frei« in die Hand, das bereits als Standardwerk des modernen Feminismus bezeichnet wird. Drei Tage war ich versunken in Stokowskis Erlebnisse und Gedanken, die meinen so gar nicht ähnelten und dann wieder doch sehr. Selten (vielleicht auch nie) hat jemand es geschafft, etwas so treffend in Worte zu fassen, für das ich selten die richtigen Worte finde.

Ihr zweites Buch »Die letzten Tage des Patriarchats« versammelt ausgesuchte Texte ihrer taz– und Spiegel Online-Kolumnen der letzten Jahre.

All about that… Power

Stokowski erinnert ihre Leser:innen immer wieder daran, dass es um Machtverhältnisse geht. Dass nicht ein Kommentar, ein Vorfall, ein Übergriff (auch wenn einer schon zu viel ist) das Problem ist, sondern die Strukturen, die diese Dinge ermöglichen und Täter unbestraft davonkommen lassen.

»Man muss Tätern wegnehmen, was sie zu Tätern werden ließ: nicht ihren Penis, sondern ihre Macht – und Macht entsteht durch Zusammenarbeit. Kein Mensch kann das allein, er braucht ein System aus mitwissenden und mitspielenden Menschen, die seine Übergriffe mitermöglichen, schönreden oder beschweigen«.

Die Vielfalt der Themen, die Stokowski in ihrer Kolumnensammlung zeigt und die sie auf zugrunde liegende Machtstrukturen analysiert, verdeutlicht den in unserer Gesellschaft fest verankerten Sexismus.

Macht ist wie Schnaps

Vergleiche schreiben hat Stokowski beim ZurQuelle Magazin gelernt, könnte man meinen:  »Wenn man die Fähigkeit besitzt, sehr viel Whiskey zu trinken, ohne umzufallen, dann ist man dafür zuständig, dass die anderen, die weniger vertragen, sicher nach Hause kommen.« Und genauso ist es mit Macht, die oftmals unmittelbar durch Privilegien bedingt wird. Für die Verständnislücke, die sich aus dieser Mischung von Macht und Privileg ergibt, ist Gesundheitsminister Jens Spahn wohl eines der besten Beispiele. So vertritt Spahn beispielsweise die Meinung, dass Menschen vom Standard-Hartz-IV-Satz von 416€ bequem leben können, ohne einen Bezug zu einem Leben mit diesem Budget zu haben. Spahn bezieht seit seinem 22. Lebensjahr ein Politikergehalt.

Wütend, schnodderig, witzig

Viele Passagen sind ernst und einfühlsam und wütend. Andere dagegen voller Schnodderigkeit und Witz. Stokowski bezieht klare Positionen, beispielsweise zu weiblichen feministischen Comedians, die immer als ›sexy‹ bezeichnet werden: »Als müsste man dem ekligen Wort ›Feministin‹ noch das geile ›sexy‹ hinzufügen, um ganz, ganz sicherzustellen, dass es sich immer noch um fickbare Ladys handelt.«

Auch auf die immer wiederkehrende Frage, ob Körperbehaarung denn nun feministisch sei oderwieoderwas findet Stokowski eine deutliche Antwort: »Es ist, kurzgefasst, scheißegal. Unfeministisch ist, sich über Körper von anderen zu beschweren, außer sie sitzen auf dir drauf und sind schwer.«

Und auch Flirten klappt problemlos im Feminismus: »Es gibt eine einzige feministische Flirtregel, die (…) lautet: Sei kein Arschloch. Fertig. That’s it. Unisex übrigens. One size fits all. So praktisch.«

»Die letzten Tage des Patriarchats« als Podcast?

Ein bisschen hofft man, dass Stokowskis nächstes Projekt sein wird, ihr Buch als Hörbuch oder Podcast einzulesen. So liest es sich nämlich: Als würde man ihr gegenüber sitzen und einem ihrer Gedanken lauschen. Und gleich wird sie einen dazu auffordern, den Gedanken weiterzudenken.

Am Ende des Buches weiß man, dass Feminist:innen so normal sind, wie Menschen eben normal sein können und sie schlicht ihren gesunden Menschenverstand gebrauchen. Und man fragt sich, wie andere Menschen nicht so normal sein können wie Feminist:innen

Wer ist Margarete Stokowski?

1986 in Polen geboren, studierte Margarate Stokowski Philosophie und Sozialwisschenschaften in Berlin. Sie arbeitet als freie Autorin und Kolumnistin. Ihre Kolumne »Luft und Liebe« erschien von 2012-2015 bei der taz, seit 2015 schreibt sie »Oben und unten« bei Spiegel Online. Sie mag Katzen, Whiskey und Pommes.

»Die letzten Tage des Patriarchats«, rowohlt Verlag, 20,00€.

Autorinnenfoto: Rosanna Graf

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