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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Trotz ihrer nicht unbedeutenden Flirting-Skills war unsere Autorin noch nie auf einem Date. Dass ihr erstes Date im Stripclub stattfinden würde, hätte sie auch nicht vermutet. Ein Erfahrungsbericht.

Angeschickert stolpern wir durch die Nacht, als mich mein Date fragt, ob ich schonmal in einem Stripclub war. “Nein” sage ich und überlege mir noch, wie ich meine lange Hamburger Jugend ohne Stripclub-Besuche verbingen konnte, da zieht er mich schon an der Hand über die Straße.

Striptease im Kopf I

Ich stelle mir die Szene aus Gossip Girl vor, in der Blair in Chucks neuem Bourlesque-Club zu Stripper von den Soho Dolls einen Tanz hinlegt, um ihm zu beweisen, dass sie auch in einem Laden voller halbnackter Frauen noch die reckless bitch ist, die er am meisten will. In meiner Vorstellung sehe ich einen schmutzigen Dreier vor mir und wie ich mein Date mit einem Striptease überraschen könnte, wie Beyoncé ihren Gatten im Pariser Varieté Crazy Horse.

Ich freue mich, meine hart erarbeiteten Poledance-Skills aus dem Unisport-Einführungskurs endlich in der Realität erproben zu können. Gleichzeitig habe ich Angst, mich lächerlich zu machen. Als ich kurz davor bin, zu kneifen, sind wir schon vorbei an den bärenhaften Türstehern.

Keine Tittensuppe, wohin das Auge blickt

Zwischen dem Blitzen der Diskokugeln fällt mir sofort auf, wie sauber und steril es hier ist und wie harmlos die Mädels an der Bar in ihren Poloshirts mit aufgesticktem Firmenlogo aussehen. Ich sehe gar keine nackten Frauen, nur überall Männer in Anzügen in einem Raum, der eigentlich aussieht wie ein normaler Pub ohne Stühle und mit Spiegeln an den Wänden. Die fünf Sitzecken, die auf einem leicht erhöhten Podium stehen, sind der “VIP-Bereich”.

Für 75 Euro oder gegen die Bestellung einer Flasche Champagner kann man dort über dem Pöbel thronen, der stehen muss. Ich reiße meine Augen weit auf und schaue mich um. Unvermittelt kommt der große Türsteherbär auf uns zu, um uns darauf hinzuweisen, dass wir nicht bleiben können, wenn wir nichts trinken. Mein Date bemerkt, dass der Bär uns auf dem Kieker hat und wir uns lieber ruhig verhalten sollten. Zwei Gläser Sekt später stolziert die erste Dame auf die Bühne.

Flashdance? Fehlanzeige

Während ihrer dreiminütigen Performance schaut die Tänzerin konstant in den Spiegel gegenüber und legt routiniert einen gefühlskalten Striptease hin, dessen Professionalität und Flachheit mich langweilen. Mein Date ist froh, dass ich immerhin nicht abgeschreckt bin und fragt mich, welche ich am attraktivsten finde. Ich finde eigentlich alle denkbar unattraktiv.

Meiner Begleitung geht es zum Glück ähnlich und sie spart mir gegenüber nicht mit Komplimenten. Vielleicht, um über Verlegenheit hinwegzutäuschen, vielleicht, weil sie im Angesicht der künstlichen Stripclub-Körper um uns tatsächlich die unaufdringliche Natürlichkeit zu schätzen weiß.

Zur Kasse, bitte

Der Bär kommt, nachdem er einer Striplady eine lange Umarmung aufgedrängt hat, wieder zu uns. Diesmal werden wir ermahnt, auch ja in das Trinkgeldglas jeder Lady eine Münze zu werfen, andernfalls müssten wir den Laden verlassen. Zwei Damen fragen uns, ob wir einen privaten Tanz wollen (50 Euro). Wir lehnen dankend ab, wir sind zu doll miteinander beschäftigt.

Den Gossip-Girl-Move habe ich schon längst verworfen, weil mir klar wurde, dass es in diesem Laden nicht um Sex im Sinne von Erotik, Lust und Verführung geht, sondern um Geld, unterdrückte Fantasien, Gender-Stereotypen und Macht.

The Show Must Go On

Ab und zu studiere ich im Rahmen des Sexperiments die umstehenden Männer: Mittdreißiger, Anzugträger, teilweise sehr attraktiv. Mit Blicken versuchen sie mir mitzuteilen, dass ihnen ihre Anwesenheit unangenehm ist. Sie wollen wohl sagen, dass sie wissen, dass ich wüsste, dass sie es “eigentlich” nicht nötig hätten. Und es ja auch “irgendwie” moralisch verwerflich sei. Diese Blicke erwidere ich mit meinem laszivsten Lächeln, was ein bisschen erotischen Verve in die Sache bringen soll. Aber schon bald höre ich damit auf, weil die nächste Show anfängt. Mein Date im Stripclub geht weiter.

Striptease im Kopf II

Meine Begleitung verkündet, dass er die sich aktuell auf dem Teppich räkelnde Tänzerin am liebsten mag (außer mir natürlich). Sie sticht tatsächlich heraus, sieht aus, als habe sie wirklich keine Hemmungen. Vielleicht genießt sie die bewundernden Blicke oder denkt an jemanden, vielleicht ist sie einfach nur eine bessere Performerin. Ich gebe ihr zwei Euro und ein solidarisches Lächeln. Währenddessen denke ich bebenden Herzens an die Performance, die wir zusammen für meine Begleitung hinlegen könnten. Wäre das Date nur in einem Stripclub, der meinen Vorstellungen gerecht wird.

Zynismus und Fremdscham beim Date im Stripclub

Die wenigsten Männer scheinen auch nur ansatzweise erregt zu sein. Bei der Veranstaltung geht es offensichtlich mehr um das Beurteilen von operierten Frauenkörpern als um Wertschätzung der Mühe, die sich die Damen machen. Ich werde ungeduldig und ahne, dass das Aufregende, was der Stripclub-Besuch dem Abend anfänglich verliehen hat, in Zynismus und Fremdschämen umzuschwingen droht.

Mein Date im Stripclub läuft gut. Ich bin erregt, aber nicht wegen der Stripperinnen

Mein Date, ein wirklich emanzipierter und einfühlsamer Mann, fragt mich, ob ich aufgeregt wäre, wenn ich hier strippen würde. Ich packe die Gelegenheit am Schopf und erkläre ihm, dass ich große Lust hätte, für ihn zu tanzen. Also stürze ich meinen Sekt hinunter, ziehe ihn an der Hand aus der Tür und wir stolpern nach Hause.