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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

2014 stellte sich Mine mit ihrem gleichnamigen Album vor. „Sweet“, dachten sich ein paar Zuhörerinnen „wie sie Jazz, Hip Hop, Elektro, Herz und Schmerz mischt“. Mine spielte dafür mit einem Kammerorchester, Samy Deluxe, Edgar Wasser und den Orsons. Jetzt kommt ihr zweites Album und sie selbst nennt es „erwachsen“.

Als wir Mine das erste Mal auf einem Konzert trafen, waren wir verliebt. Auf den ersten Blick und über beide heißen und verlegen rote Ohren. Klar, dass wir nun träumen, sie einmal in der Quelle auf ein Bier zu treffen. Es wäre so schön. Ihr zweites Album wäre dann erschienen, es würde Das Ziel ist im Weg heißen und wäre nur uns allein gewidmet. Fast ganz so war es. Nur ohne Quelle, Bier und Widmung. Aber dafür mit geilen Frisuren, viel Mut und einer Knutscherei.

zQ: Was verändert sich für dich mit dem zweiten Album?

Mine: Das erste Album zu produzieren hat mir mehr Selbstbewusstsein gebracht. Ich traue mich, mehr Sachen zu machen. Das neue Video zu Essig auf Zucker habe ich komplett selbst gemacht, vom Drehbuch bis zum Schnitt. Dabei weiß ich gar nicht, wie das geht. Aber ich mach’s trotzdem, weil ich das so will und weil es mir gefällt. Naja, vor allem wäre es so, wie ich es haben will, sonst auch zu teuer.

zQ: Was hast du soundtechnisch anders gemacht? Deine Musik hat schon früher Jazz, Folk, Hip Hop und elektronische Elemente gemischt. Das Ziel ist im Weg wirkt aber viel dynamischer und schneller.

Mine: Ja, finde ich auch. Ich höre gerade mehr elektronische Musik als früher. Sowas wie Stromae, den ich erst jetzt für mich entdeckt habe. Das merkt man auch in den neuen Songs. Sie sind nicht mehr so souly und jazzy. Das neue Album ist vielleicht auch dynamischer, weil es auch technisch, nicht akustisch produziert ist. In Findelkind gibt es zum Beispiel einen D’n’B‘-Part an dem auch der Begründer Bassface Sascha mitproduziert hat.

zQ: In deiner Musik spielst du viel mit der Sprache und bildest Neologismen. Deine Texte wirken dabei oft sehr poetisch und bildlich. Aber wie persönlich sind sie?

Mine: Ich steh drauf neue Bilder zu finden, die für mich emotional Gewicht haben. Ich steh auch auf Märchenwelten und liebe es, selber welche zu erfinden. Die sind vielleicht gar nicht so real, aber man fühlt trotzdem was dabei. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich manchmal zu feige bin, die Sachen ganz klar auszusprechen. Weil sie eben natürlich sehr persönlich und autobiografisch sind.

zQ: Also ist Mine real?

Mine: Ja, auf jeden Fall. Ich ziehe mich genauso an und ich rede nicht anders. Klar stelle ich mich in Menschenmengen und erzähle ihnen was. Das würde ich privat nicht machen. Ich wäre wahnsinnig aufgeregt, so als müsste ich ein Referat halten. Aber ich reagiere auf der Bühne genauso, wie im Privaten. Vielleicht fluche und beleidige ich ein bisschen weniger.

zQ: Du beleidigst gerne, ja?

Mine (lacht): Naja, ich sag schon klar meine Meinung. Ich sag auch, wenn ich was scheiße finde, aber bin auch vorsichtig. Wenn jemand irgendwo Arbeit reinsteckt, dann sollte man das nicht dissen.

zQ: Wie wäre es denn mit einem Loona Feature?

Mine: Wer?

zQ: Loona. Bailando und so!

Mine (singt): Bailando, bailando …

zQ: Ja, genau!

Mine: Ne, danke. Die schreibt ihre Texte nicht mal selber. Wieso denn? Hörst du das? Das ist doch spannend! Es ist nun nicht so, dass ich was gegen ihre Existenz hätte, aber sie ist auf jeden Fall nicht unter den Top 100 für ein Feature. Aber ich finde, sie darf alles machen und das was sie macht … macht sie sehr, sehr schön.

zQ: Wer ist auf Platz 1?

Mine: Peter Fox! Er ist immer noch mein Endgegner. Er hat ein so großartiges Album gemacht, dass ich es immer noch höre. Ich finde es toll, wie er Leute damit zusammenbringt, die teilweise gar keine Musikfans sind, aber trotzdem die Qualität des Albums erkennen konnten. Es wäre schön.

zQ: Und was geht für dich gar nicht?

Mine: Ich möchte auf jeden Fall nichts Politisches machen. Ich habe im Moment das Gefühl, dass ich politisch gerne was sagen würde, weil mich die hohe Prozentzahl der AfD so geschockt hat. Mir ist Toleranz sehr wichtig und ich engagiere mich für die Rechte für Homo- und Transsexuelle, weil da einfach noch Gesetze fehlen oder einige Gesetze ganz schnell aufgehoben werden müssen. Aber ich könnte mir es nicht vorstellen, für irgendeine Partei zu spielen. Ich sehe es einfach nicht so in meinem künstlerischen Projekt. Ich schreibe auch keine politischen Texte. Vielleicht kommt das nochmal.

zQ: Wenn man sich Aliens mit Edgar Wasser anhört, könnte man das schon als Metapher für Angst vor dem Fremden oder Flüchtlingspolitik verstehen.

Mine: Definitiv kann man das so verstehen! Ich bin auch so eingestellt. Aber witziger Weise hatte der Text, als wir ihn geschrieben haben, gar nichts mit der Politik zu tun. Wir wollten es eher auf die ganze Menschheitsgeschichte übertragen. Dass man auf das Fremde aggressiv reagiert, ist schon häufiger passiert. Man nennt das dann oft Selbstverteidigung, dabei ist es doch eigentlich ein Angriff aus Angst. Es ging uns darum, dass man sowas abbekommt, wenn man nicht angenommen wird, weil man anders ist.

zQ: Was ist das Statement des zweiten Albums?

Mine: Ich will sagen, dass es wichtig ist, dass man ganz viele Leute kennenlernt und Erfahrungen macht, um dann zu merken, was der richtige und gesunde Weg ist. Es geht um Individualität. Die Inhalte sind, um es mit einem ekligen Wort zu sagen: Erwachsen.

zQ: Was findest du, ist deine krasseste Fähigkeit?

Mine: Ich bin ein Oktopus! Ich kann einfach so Basics, wie Partituren schreiben, Produzieren, Schneiden und sowas. Ich hab bei allem ein gutes Grundwissen. Für einen Profi mag das mittelmäßig wirken, dafür ist es aber das Oktopus-Talent.

zQ: Wo wir gerade bei Tieren sind: Wer sollte der nächste Coverstar der ZurQuelle werden?

Mine: Alpaka! Die haben eine geile Frisur und lustige Zähne. Und man muss minutenlang lachen, wenn man sie sieht. Aber nicht über sie, sondern mit ihnen, weil sie so drollig sind.

zQ: Was bedeutet es für dich, dass du von deiner Musik leben kannst?

Mine: Ich habe mehr Zeit und Energie dafür. Es ist geil, dass ich nebenher keine Verpflichtungen habe. Zum Beispiel kann ich mehr Arbeit in meine Videos stecken, die zwar nichts einbringen, aber extrem Spaß machen. Ich bin da sehr glücklich drüber und dankbar, dass es Menschen gibt, die das fühlen, was ich mache und mich so unterstützen. Das ist schon was Besonderes.

zQ: Die wichtigste Frage zum Schluss: Zu welchem Song und wann hast du das letzte Mal leidenschaftlich geknutscht?

Mine: GEKNUTSCHT? Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon mal leidenschaftlich zu einem Song geknutscht habe. Doch. James Blake – The Wilhelm Scream. Aber es muss einem ja auch erst mal auffallen, was man da gerade hört.

Am 15.04.2016 erscheint das Album Das Ziel ist im Weg (Pennywine Records). Live geht es bei Mine etwas rockiger zu.

Das Interview führte Jan Russezki.

(Foto: Simon Hegenberg)