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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Loona ist klug und hübsch und toll. Wir durften ihr kluge, hübsche und tolle Fragen stellen, denen die Antworten in nichts nachstanden.

 

Wer ZurQuelle kennt, der weiß, was uns ein Interview mit Loona bedeutet – alles. Immer schon war uns klar, dass unser Magazin mit dieser Begegnung seinen Zenit erreichen würde: Danach spränge es über den Hai – locoloco.

Hannes Wader leitete das letzte Lied seines legendären “… singt Arbeiterlieder”-Konzerts mit den Worten ein: “Ein Lied, danach kann nichts mehr kommen”; es folgte die Internationale … Dieser Vergleich hinkt nicht. Eher hinkst du!

 

Loona kann nicht unendlich währen

 

L

Ihr kommt aus Berlin? Ich war dort mal im The Green Door. Hat mir sehr gut gefallen, sah aus wie ein Wohnzimmer. In Berlin gibt’s tausend coole Sachen.

Offensichtlich ist das länger her; sonst wüsste Loona, dass angesagte Clubs und Kneipen in Berlin heute aussehen wie der Gemeinschaftsraum einer Crackhöhle. Aber das ist ja quasi auch ein Wohnzimmer.

zQ

Warst du als Loona oder als Marie-José van der Kolk dort?

L

Ein bisschen beides. Ich war mit Ingo Wohlfeil von der BILD da. Wir verstehen uns sehr gut: Wenn er auf Mallorca ist, wohnt er bei mir und wir inszenieren Dinge und erfinden Geschichten.

zQ

Worin unterscheiden sich Loona und Marie?

L

Marie hat auch melancholische Phasen. Nach dem Tod meiner Mutter 2003 konnte ich bis 2005 vorerst nicht als Loona auftreten. In der Zeit habe ich Balladen gemacht. Als ich 2004 aber schwanger wurde, habe ich Tears in Heaven rausgebracht. Einmal stand ich mit dickem Bauch auf der Bühne und musste weinen. Ich musste meine Trauer verarbeiten, obwohl die Kleine in mir wuchs.

Irgendwann nach der Geburt merkte ich, dass ich davon weg müsste. Denn wenn du lachst, lachen die Leute mit dir, wenn du aber weinst, dann weinst du allein: wie der Clown im Zirkus. Seit etwa 2007 habe ich keine langsamen Lieder mehr aufgenommen. Nur noch Loona – volle Power.

zQ

Möchtest du in den Niederlanden als Marie-José erfolgreich sein, oder war die Coverversion von Helene Fischers „Atemlos“ eine einmalige Sache?

L

Das war eine einmalige Sache, der Wunsch besteht aber trotzdem: Ich möchte auf der Bühne stehen und Songs singen, bei denen ich mich nicht so viel bewegen muss. Anfang der 2000er habe ich schon mal versucht, mich neu zu erfinden. Die Plattenfirma aber fragte nur, ob ich „balla balla” sei. Letztlich bin ich eben ein Produkt, das nicht verändert werden darf: Schuster bleib bei deinen Leisten; heute verstehe ich das. Irgendwann aber will ich nicht mehr in knappen Outfits auf der Bühne stehen und die „Bailando”-Schiene fahren.

zQ

Gibt es da konkrete Pläne?

L

Zu meinem 20-jährigen Bühnenjubiläum 2018 will ich mich von der klassischen Loona verabschieden. Ich will andere Sachen machen und meine Hits neu arrangieren. Ab und zu werde ich trotzdem noch Leggings und Stiefel auspacken, das macht einfach süchtig.

 

Eine Frage brennt uns seit Anbeginn der Single auf der Seele: Was bedeutet der Refrain des Songs El Tiburón, “el tiburón, loco loco, dale dale, sigue sigue, dale dale más”? Die Antwort ist fast enttäuschend einfach – und vorhersehbar.

 

zQ

Loona, warum ist der Tiburón eigentlich „locoloco”?

L

Tiburón bedeutet Hai. Es meint aber auch dieses Glockenspiel, das Männer zwischen den Beinen haben: eine Metapher. Deswegen auch „dale dale más“ (=“gib mir mehr, gib mir mehr”).

 

zQ

Warum heißt du Loona und weißt du, dass es falschgeschrieben ist?

L

Das ist Absicht. Luna heißt Mond. Das darf jeder benutzen. Aber Loona konnte ich mir als Künstlernamen schützen lassen. Als die Plattenfirma 1998 vorschlug, Bailando mit DJ Sammy und mir als Prototyp eines blonden Mädchens zu produzieren, war mir das zu Mainstream. Deshalb wollte ich einen neuen Künstlernamen, um nicht für immer damit assoziiert zu werden.

 

zQ

Hast du eigentlich einen privaten Facebook-Account?

L

Nein, aber für die Holländer habe ich neben der offiziellen Page eine Seite als Marie-José angelegt.

 

An der Stelle droht die Stimmung des Interviews zu kippen. Die Eifersucht kriecht aus allen Poren hervor und macht sich bereit, das Ruder an sich zu reißen. Loona aber weiß, wie sie locoloco Fans besänftigen kann. Mit unwiderstehlicher Ausstrahlung und bezirzendem Carisma (Fun Fact: So ihr Künstlername vor Loona).

zQ

Warum sind wir da nicht befreundet?

L

Ich hatte einfach zu viel zu tun: Nach „Ademloos“ kam die Aprés-Ski-Saison, von der ich aber vorerst genug habe. Ebenso vom Ballermann: Jeder Depp stellt sich da auf die Bühne. Am schlimmsten sind die Frauen, die sich da auf die Bühne stellen und Nur noch Schuhe an von Mickie Krause singen, was sie lustig finden, weil sie wirklich nur noch Schuhe anhaben. Und dann sollst du als Künstlerin auf die Bühne.

Loona und alles, was gut ist

Das kreative Schaffen Loonas war immer auch geprägt von Internationalismus und einem rigorosen Eintreten für Toleranz. Sie verbindet in sich alles, was ein geeintes Europa unter humanistischer Flagge bedeutet: Sie ist die Inkarnation der europäischen Idee.

 

zQ

Wie war das eigentlich mit Gina-Lisa? Die Frage musste kommen, das weißt du.

L

Klar, sonst hätte ich es doch selbst angeschnitten. Also, eigentlich war das alles ein Zufall: Gina Lisa hatte sich bereiterklärt, in meinem Video (El Tiburón) mitzuspielen. Beim Dreh kam ich viel zu spät, Gina-Lisa musste auf mich warten und trank in der Zeit Champagner. Abends beim Dreh war sie dann total betrunken und torkelte schon ein bisschen. Die letzte Einstellung zeigt uns von hinten, wie wir Arm in Arm ins Meer gehen. Mit schwarzen Balken überlegt, sah das aus, als wären wir nackt. Das Kamerateam meinte dann: „Jetzt seid mal super lieb zueinander”, und plötzlich hatte ich Ginas riesige Lippen auf dem Mund. Wenn man sich das Foto anguckt, sieht man, wie überrascht ich war: Ich sehe aus wie E.T., ohne Hals.

 

Es folgte ein halbes Jahr voller Interviews, in denen Loona und Gina-Lisa Lohfink sich als Pärchen inszenierten. Alles endete, als die Geschichte ein unsympathisches Eigenleben entwickelt hatte und Loona über den Kopf wuchs.

zQ

Hast du Homophobie erfahren? Und meinst du, du hast einen Beitrag zur Toleranz weiblicher Homosexualität geleistet?

L

Homophobie nicht direkt. Aber einige Leute meinten, die Sache hätte mir geschadet. Das waren aber die gleichen, die sofort wissen wollten, wie es war.

Und ja: Auf jeden Fall habe ich einen Beitrag geleistet, da stehe ich auch heute noch zu. Ich supporte jetzt zum Beispiel eine Frauensportbekleidungsfirma, die von einem lesbischen Pärchen ins Leben gerufen wurde. Abgesehen davon komme ich aus Holland: alles easy – Peace und Love.

zQ

Hast du Groupies? Wenn ja, wie waren deine Erfahrungen mit ihnen?

Die Frage kam nicht von ungefähr: Kurz bevor das Interview begann, hatten wir einen Fan beobachten können. Dieser stand auf der Treppe zur Leipziger Oper, von deren höchster Stufe aus man den Backstagebreich, in dem Loona sich aufhielt, überblicken konnte. Immer wieder rief er ihren (Künstler-)Namen. In seinen Händen hielt er einen roten Aktenordner, dessen Inhalt sich, einmal zu Loonas Manager und Freund vorgelassen, als eine Sammlung von Zeitungsausschnitten, Internetausdrucken und Autogrammkarten entpuppte, die er Loona voller Stolz überreichen durfte.

 

L

Ja, die habe ich. Ich nenne sie aber Freunde. Ich sehe die Arbeit in dem, was sie machen. Und ohne sie würde es mich ehrlicherweise nicht geben. Aber einer hatte es mal geschafft, mich zu Hause anzurufen: Das war mir unheimlich. Ein anderer kam immer nach Konzerten zu mir und wollte Fotos machen. Das ist total okay, aber ich hatte das Gefühl, dass er immer etwas zu tief in Richtung meines Dekolletés zielte. Mein Freund wollte dem dann eine reinhauen. Ich meinte dann aber zu dem Fan, dass das uncool sei und nicht klargehe: Seitdem ist alles in Ordnung. Er macht jetzt super tolle Fanfotos, die er auch hochlädt.

zQ

Was war deine dümmste Interviewfrage oder dein dümmstes Interview? Und warum ist es nicht dieses hier?

L

Es ist definitiv nicht das hier. Ich fühle mich sehr wohl mit euch.

 

Es dürfte überflüssig sein, zu erwähnen, dass wir uns noch nie wohler gefühlt hatten.

 

Vielleicht war es die Frage danach, warum ich keine deutschsprachigen Schlager mache. Dabei singe ich doch schon auf Türkisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Arabisch. Was soll ich denn noch alles machen?

zQ

Auf Türkisch? Wie stündest du eigentlich zu einem EU-Beitritt der Türkei?

L

Dafür bin ich derzeit nicht. Die müssten mehr tun, um auf den gleichen Stand zu kommen. Genauso die letzten Beitrittsländer. Aber ehrlich gesagt, wieso eigentlich? Europa hat so viele unterschiedliche Kulturen und Identitäten: Das macht Europa aus, das finde ich schön. Auch diese Geldsache: Deutsche Mark zu Peseten – ich fand das Umtauschen immer geil. Außerdem geht es jetzt keineswegs allen besser, nur weil es die EU gibt. Deshalb finde ich Spanier- und Griechen-Bashing auch so schrecklich: Wegen ein paar ökonomischer Fehltritte in letzter Zeit werden die in diese Ecke gestellt.

 

zQ

Was ist Europa für dich, was sind die Vorteile einer europäischen Integration?

L

Das Thema interessiert euch, nicht wahr? Also: Europe rocks! Europa ist der tollste Kontinent der Welt. Ich finde aber, die Erweiterungen sollten jetzt ein Ende haben. Zu viel Angleichung ist nicht gut. Ich bin aber stolz darauf, nicht nur Holländerin, Spanierin oder Deutsche zu sein, obwohl ich mich überall ein wenig heimisch fühle. So kann ich mir das Beste rauspicken, mal das Spanische “mañana, mañana”, mal die holländische oder die deutsche Ordnung.

Allerdings finde ich es beschämend, was derzeit an den Küsten der EU passiert: Dass da Menschen sterben, ist einfach nur traurig. Und wenn ich sage, wir müssen da mehr tun, dann blicke ich auch auf Holland. Holland nimmt verhältnismäßig am wenigsten Flüchtlinge auf. Da schäme ich mich.

 

Die Herzen voller Wahrheit endete das Interview. Wir ließen uns aber nicht lumpen sondern stattdessen noch ein paar Flaschen Bier aus dem Backstage-Kühlschrank mitgehen. Auch schossen wir die obligatorischen Fanfotos. Denn journalistischer Anspruch hin oder her: In erster Linie hatten wir uns soeben einen Kindheitstraum erfüllt. Und, liebe Leserinnen: Was kann jetzt noch kommen?

 

und wer noch nicht spitz ist oder Loona nicht kennt: Ihre neue Single heißt “Caliente” und ist so heiß wie sie, der Tiburón oder die playa.