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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Das Maxim Gorki Theater ist in Festivalstimmung. Vier Tage lang soll im queeren Monat Juli im “Studio Я” unter dem Titel „Pugs in Love“ über Geschlechterzuschreibungen und andere Stigmatisierungen nachgedacht werden, um ein wenig schlauer oder „querdenkender“ aus dem langen Wochenende herauszukrabbeln. ZurQuelle durfte mit “Traumboy” den Auftakt des Festivals miterleben und ist noch ganz benommen von Diskussionen über „Verliebte Möpse“, von Celine Dion-singenden Sexarbeitern und warmen Rotwein.

In queeren Theaterkreisen scheinen sich alle zu kennen. Und zu küssen. Ein wenig schüchtern rücke ich meine Bleistifte zurecht und jedes Mal weiter an den Rand, wenn neue spannende Freundeskreise im stickigen Lichtsaal des Gorkis zusammensitzen wollen.

 

Schon beim Titel der Versanstaltung „Pugs in Love – Queer Weekend“ wird die Assoziationsmaschinerie ordentlich angeworfen. Hunde? Brüste? PUG ist ein Akronym für „Perverse und Gefährdete“, ein Szenebegriff für Homo-, Bi-, Trans*-, Inter-, Pan-, Contra-, und Polysexuelle. LOVE kennen wir (ein bisschen) und QUEER, ja, das ist die Frage! Es wird mit -ismen jongliert, dass mir die Cisgender-Ohren schlackern. Alle sind wir so anders, niemand ist ausgeschlossen. Und doch sitzen hier beispielsweise keine katholischen Männer mit zwei Kindern und unerfüllten Fantasien.

 

“Er gab mir jedes Mal ein Stück Schokolade für den Heimweg”

 

Von solchen Familienvätern erzählt Daniel Hellman in seiner Solo-Performance „Traumboy“. Daniel ist Prostituierter. Ungefähr die Hälfte seiner Klienten sind in einer Beziehung mit einer Frau. Die Eheringe an den Händen, die sich um seinen Penis schließen, machen ihn an. Seit er 19 ist, schätzt er die flexiblen Arbeitszeiten und die „sophisticated blowjobs“, nur erzählen konnte er jahrelang niemandem von diesem Studentenjob.

 

Hellmann hat klassischen Gesang studiert, aus Langeweile auf einen Performance-orientierten Studiengang umgesattelt und ist jetzt mit dem Anliegen unterwegs, die Sexarbeit zu entmystifizieren. Diesen Job, der ihm Spaß macht, der ihm einen gewissen Lebensstil ermöglicht und der sich sogar in Kunst umwandeln lässt.

 

Sein Vater wird sich seine erfolgreiche Performance trotzdem nicht angucken. Für seine Familie ist es einfacher, ihre Sichtweise auf Prostitution aufrecht zu halten. Ihn, den sie als verantwortungs- und liebevollen Sohn kennen, in Frage zu stellen, als zu versuchen, das verpönte Geschäft von Sex für Geld irgendwie gutzuheißen.

 

„Give us the freedom to be whores!“ schreit er gegen das erst am 1.7. in Kraft getretene Prostitutionsschutzgesetz an. Dieses mache aus allen gleichermaßen Opfer und traue Leuten, die ihren Job lieben, nicht zu, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Er liebt den menschlichen Körper in all seinen Ausgestaltungen, könnte sich vorstellen, sich noch weiter zu spezialisieren, sodass er besser auf die Wünsche von Menschen mit Behinderung eingehen kann.

 

Der knappe Latex-Anzug knallt, Menschen jedes Geschlechts gucken verliebt auf Daniels schönen Körper, der mittlerweile mit Kinderfotos untermalt seinen Werdegang schildert. Vom „massive crush on Leo DiCaprio“ über den durch die Bar Mitzwa finanzierten Computer, der den Weg in „gay chatrooms“ ebnete. Häufig hat sich der gebürtige Schweizer neue Namen, Profile und Identitäten gebastelt und mit den Vorlieben seiner Klienten spielen gelernt: Muslime kommen besser an als Vegetarier, in New York hat er als „Swiss Mountain Boy“ in drei Wochen ein Vermögen verdient.

 

Käuflicher Sex und Selbstbestimmung- geht das?

 

Keine Sekunde habe ich bis jetzt ihn und seine Entscheidung zu diesem Job verurteilt. Umso unbehaglicher mutet die direkte Frage an, die er einer Frau im Publikum stellt: „Könntest Du Dir vorstellen, als Sexarbeiterin tätig zu sein?“ „Hast Du Dich schonmal mit Sex bei jemandem bedankt, aus Mitleid Sex mit jemandem gehabt?“ Huch. Liegen diese Handlungen wirklich so nah beieinander? Wie groß ist der Schritt vom Anlegen eines Tinder-Profils zum Sex für Geld? Denn das ist es ja, was das Problem in der Gesellschaft auszumachen scheint. Was ist denn das Schmutzige in dieser Beziehung? Der Sex oder die monetas?

 

Auch das Publikum darf Fragen stellen. Per SMS. Ich hab jetzt Daniels Handynummer. Oder die seiner Figur? Es ist wohl wahr, was er in „Traumboy“ erzählt, trotzdem ist das hier eine Performance, keine weinselige Beichte. Das wird nochmal klar, als er nach einem plateaubesohlten Celine Dion-Aufrtritt (sein großer Wunsch ist es, einmal beim Eurovision Song Contest anzutreten, egal ob für Deutschland oder die Schweiz) einer von uns stellvertretend einen Wunsch erfüllt. Für zwei Minuten verschwindet er mit einer kleinen Frau hinter der Bühne. Der Rest des Publikums wispert verschwörerisch und die beautiful gay guys blicken neidisch hinterher.

 

Die Parallelen zwischen der Praxis der Sexarbeit und der künstlerischen sind hier klar nachvollziehbar. Es geht um ein authentisches Performen, ein „Nicht-aus-der-Rolle-Fallen“, ein freies Spiel mit den Erwartungen des Gegenübers.   Auch geht es in der Sexarbeit aber um Kapitalismus und Machtstrukturen, setzt er doch seinen Körper ein, um einen anderen sozialen Status zu erreichen.

Das stößt mir nochmal traurig auf, als ich meinen (sich heute sehr heteronormativ-fühlenden) Körper aufs Fahrrad hieve und am nächtlichen Tiergarten vorbeiradele, in dem sich minderjährige Flüchtlinge prostituieren, rauf auf die Straße des 17. Juni, wo sich mein Leben lang weißstiefelige Damen mit Beton-Dekolletté zur Schau stellten. Daniel Hellman hat einen enorm wichtigen, horizonterweiternden Denkansatz angeboten, der zeigen soll, dass Sex für Geld als selbstbestimmter Akt und auf  Augenhöhe stattfinden kann. Doch ist das ein sehr privilegierter Blick. “Traumgirl” wird wohl noch auf sich warten lassen.

 

Das PUGS IN LOVE- QUEER WEEKEND findet vom 6.-9. Juli im Studio Я des MAXIM GORKI Theaters statt.

Mit performativen Stadtspaziergängen, Lecture Performances und der Diskursreihe: Heterosexualität_en in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum* Berlin.

 

http://gorki.de/de/pugs-in-love-queer-weekend

http://www.daniel-hellmann.com/de/projects/traumboy

 

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