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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Es gibt einen Ort, an dem sich die Abgründe des menschlichen Daseins versammeln: Die Karaokebar. Ein traumatisierter Bericht.

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ – Friedrich Nietzsche

In jedem Freundeskreis gibt es mindestens einen Menschen, der echte Freude daran hat, Karaoke zu singen. Ich bin so weit davon entfernt, dieser Mensch zu sein, wie Norwegen von Namibia. Nach ersten traumatisierenden Erfahrungen in vergangenen Jahren war es mir immer gelungen, einen großen Bogen um das fremdbeschämende Gegröle zu machen. Als bei einem Nebenjob aber ein Großteil des Teams zur gleichen Zeit aufhörte, sollte ein gemeinsamer, abschließender Abend stattfinden.

Der Dezember ist fast ausgebucht … aber wir haben noch einen Insider-Tip für eure Weihnachtsfeier: Unsere neue…

Posted by Green Mango Karaokebar on Mittwoch, 8. November 2017

“We’re Doomed”

In Lichtgeschwindigkeit war die Begeisterung für Karaoke um mich herum riesig. Wenig später hatten wir eine Karaokekabine nur für uns gebucht, in der wir zwei Stunden lang trällern konnten. In meinem Kopf fand ein angestrengtes Tauziehen zwischen “Ach komm, du willst doch jetzt nicht die Spielverderberin sein. Vielleicht findest du es inzwischen auch gar nicht mehr so schlimm.” und “Oh Himmel, auf keinen Fall willst du Geld dafür bezahlen, dich mit acht weiteren Menschen in einen Raum quetschen zu lassen und ihnen dabei zuzuhören, wie sie schief singen.” Die Anti-Spielverderberin in mir gewann.

„Die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren!“ (Dante)

Der große Abend in der Karaokebar beginnt – It’s the Final Countdown

Wir treffen uns frühzeitig, um uns mit Bier und Falafel zu stärken. Der Manager des Ladens, dessen Namen ich noch in der Sekunde vergesse, in der er ihn nennt, erklärt das Karaokeequipment. Ein einzelnes Mitglied unserer freudigen Truppe hört höflich zu, während der Rest sich freudig auf die Getränkekarten stürzt.

In der Sneak: The Big Sick

Die überteuerten klebrigen Cocktails gibt es auch als “Tower” zu mehreren Trinkportionen zusammengekippt. Das überteuerte Bier kommt ganz normal im Glas. Und dann geht es los. Von Eminem über Katy Perry bis hin zu Abba ist alles dabei, ein bunter, fröhlicher Strauß Musik. Meine anfängliche Schockstarre löst sich ein bisschen, hier und da singe ich zaghaft ein paar Textzeilen.

Posted by Green Mango Karaokebar on Dienstag, 14. November 2017

„Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“ (Kafka)

Aha-Momente in der Karaokebar

Was vorher niemand erwähnt hat: statt der dazugehörigen Musikvideos bekommen wir fake-Videos gezeigt. Fast ausschließlich weibliche Osteuropäerinnen versuchen dort beispielsweise zu dritt für fünf Spice Girls herzuhalten.

Ein Herz für Karl Lagerfeld

Für große Belustigung sorgen die Videos aber trotzdem. Erwähnt hat auch niemand,  wie anders man auf Songinhalte blickt, wenn man den Text tatsächlich lesen kann: “Take me, ta-ta-take me / Wanna be a victim / Ready for abduction” (Katy Perry, E. T.). Ich gebe mir große Mühe, mein hysterisches Kichern in Bier zu ertränken.

„It’s not a bird, it’s not a plane. It must be Dave who’s on the train.“ (Scooter)

Und noch eine Portion Fremdscham

Unsere zwei Stunden in der Kabine sind schneller um als gedacht. Alle hatten Spaß, scheinen aber auch ein bisschen froh zu sein, die Kabine verlassen zu können. Da riecht es jetzt trotz Klimaanlage nach Mädchenschweiß und Sportumkleide. Im Hauptraum der Karaokebar haben sich inzwischen ein paar Abiturientengruppen versammelt, zwei Mädchen performen einen Rihanna-Song, dessen Text sie nicht aussprechen können. Die verlassene Bachelorette-Ecke wartet auf den nächsten Junggesellinnenabschied. Schilder mit dem wochenendlichen Buffetangebot aus deutschen und thailändischen Speisen locken verheißungsvoll. Die Küche bleibt allerdings kalt, Freitag zählt wohl noch nicht zum Wochenende.

Posted by Green Mango Karaokebar on Dienstag, 7. November 2017

 

Später, bei einem Bier in einer gemütlichen Bar ist der Schock schon ein bisschen verdaut. Es war nicht so schlimm wie erwartet. Ich schreie zwar noch etwas unkontrolliert fremde Leute an und plaudere mit dem Zigarettenautomaten, aber das wird schon wieder. Noch eine Woche später habe ich einen Ohrwurm von “Despacito”. Die Kosten für die psychologische Behandlung werde ich leider selbst bezahlen müssen.

Die letzte Folge von „Taste the Waste“ könnt ihr hier nachlesen!

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