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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Man muss das schillernde Ungetüm namens Eurovision Song Contest unbedingt ansehen, das kann man nicht so einfach auslassen. Unser Autor Sören hat sich extra einen guten Tetrapack-Wein beim Discounter geholt. Lest seine Analyse und sein Fazit über einen Abend in den Gefilden der Hochkultur.

ESC 2017: Triumph des Zausels

Man kann leider nicht jedes Jahr so glücklich sein, wie als das portugiesische Hascherl triumphierte: ein echtes Lied und kein Deppenfasching. Salvador Sobral, so hieß der herzkranke Kopfknödelmann, der im letzten Jahr in seinem schlechtsitzenden Achtzigerjahre-Secondhand-Sakko den Eurovision Song Contest gewann. Der Portugiese trug das unförmige Schranksakko natürlich als Kontrast zum Perfekten und Glatten um ihn herum. Ein bisschen Verwahrlosung, das sollte einen Beschützer- und Pflegeinstinkt auslösen. Juroren UND Publikum haben diesen Zauselkontrast sogar kapiert. Und wirkte ja auch beim Rezensenten, der Portugiese kam angenehm ungeschniegelt daher, wenn nur dieses verschlumpfte Spanisch (Portugiesisch) nicht gewesen wäre.

Bittersüßes Auswalzen

Die deutsche Vorauswahl des Jahrgangs 2018 sah so aus: eine tanzende Frau auf dem Klavier, ein paar Boy-Group-cum-Schuhplattler-Seppeln, ein hysterischer schottischer Storch. Ivy Quainoo, hätte man ihr nur eine Hymne geschrieben, und kein Schlaflied. Stattdessen haben »wir« (ächz) einen Simply-Red-Klon mit einem James-Blunt-Loop ins Rennen geschickt, in dem er, und das wurde natürlich in Peter Urbans Anmoderation bittersüß ausgewalzt, den frühzeitigen Tod seines Vaters verarbeitete. Ach, o weh. »Würde Deutschland dieses Jahr wieder die Null Punkte holen?«, war die große egale Frage. Schock: nein!

SMS-Währung Heimweh

Neben dem irren Gejammer für Deutschland gab es heuer grotesken Vikingmetal aus Dänemark, die Ukraine schickte einen Vampir (das dürfen doch nur die Rumänen!), Litauen setzte auf Zerbrechlichkeit, aus Holland kamen Hosentaschen-Guns-n-Roses. Die Australierin sang definitiv NICHT meinen Lieblingsdurchhaltesong, aber sie hatte ja schon den weitesten Weg, da muss man nicht auch noch am besten singen (trotzdem wäre es schön, den ESC in Australien zu haben, einmal). UK bot ganz soliden Pathos, das von einem Polit-Flitzer gestört wurde. Schönes Liedchen auch von Frankreich, immer chansonartiges, oder Ethno, nie Trash – das ist immer der Trugschluss dieser großen Nationen, dass sie glauben mit Qualitätsware punkten zu können. Dabei simsen die polnischen Klempner in England sowieso für Polen, und in Polen gibts eben keine britischen Klempner. Auch die Jurys voten meistens nachbarschaftlich. Die wichtigste SMS-Währung ist eben Heimweh.

50 Groszy für Israel

Dass am Ende Netta aus Israel gewann, ist trotz der von den Buchmachern im Vorfeld errechneten Favoritenrolle schon eine Überraschung. Schließlich entscheiden Leute über den Sieg, die bereit sind, 50 Cent, Kopeken oder Groszy (Polen) zu investieren, dafür, dass man sie für eine kleinen Moment belügt – wie das Mädchen mit den Schwefelhölzchen für die Dauer der kleinen Flamme, in der sie den Braten sieht. Ein gutes Lied reicht also nicht aus, um zu gewinnen. Der oder die Siegerin muss auch noch all diese verhuschten Klemmschwestern in Nowosibirsk und Bratsk oder Holzminden oder Gibellina abholen und ihnen diese glitzernde Schwefelhölzchenillusion präsentieren. Und wenn der Schwarm findet, der zypriotische Hosenanzug ist die Lösung, dann investieren sie ihre 50 Kopeken eben im zypriotischen Hosenanzug. Wenn aber mal jemand draufkommt: »Hey, die mit den beiden Mickey-Maus-Haarkugeln und dem Hühnertick, das sind doch eher wir, das bildet uns doch eher ab!«, dann kapieren sie das vielleicht in Bucha und Milda. Und so geschah es auch.

Es geht um Chicken

Es geht nicht darum, dass man es gut findet, und beim Songcontest geht es auch nicht um Musik. Das ist ein Irrglaube: Dass es um Musik ginge, das behaupten immer nur die Ablehner. Netta gewann, weil sie soviel in sich vereint. Mit ihrem gackernden Hühnergedingse reiht sie sich ein in das popmusikalische Subgenre der Hühner- beziehungsweise Chicken- und Poulet-Songs. Geflügel wird weit öfter besungen als Hunde und Katzen zusammen, vermutlich weil es klanglich und bewegungstechnisch so einen hohen Unterhaltungswert hat. Insofern führt Netta eine wichtige Traditionslinie fort. An dieser Stelle sei nur erinnert an:

Es lässt sich als Fazit herausstellen, dass Netta das Genre des Chicken-Pops um eine weitere Nuance bereichert hat. Damit war der diesjährige Eurovision ein voller Erfolg.

 

Titelbild: eurovision.tv

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