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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Wir haben Neonschwarz getroffen. Es ging vor allem um die Flora in Hamburg. Aber auch um die Musik. Geil.

6 Jahre ist es nun her, dass Neonschwarz ihren ersten musikalischen Output unters Volk brachten. Eine wilde, wütende kleine EP, die der schreckhaften BPJM schnell zu brenzlig wurde und deswegen umgehend auf dem Index landete. Was zunächst nicht nach der typischen Chart Erfolgsstory klingen mag, avancierte in den Folgejahren landesweit zum Dauerbrenner in autonomen Jugendzentren. Nach etlichen linken Haken, landeten die selbst ernannten „Zecken Rapper“ dann mit „On a Journey“ auch ihren ersten saftigen Treffer im Gehörgang der breiteren Masse.
Mittlerweile stehen die vier mit allen acht Beinen und ihrem zweiten Album „Metropolis“ nun vollends im „Rap Game“.
Warum sie aber statt Mütter zu ficken, lieber Häuser besetzen und was der neue Albumname mit dem berühmten Film von Fritz Lang zu tun hat (fast gar nichts), erfuhren wir in einem unterhaltsamen Gespräch, zu Tische eines indischen Restaurants in Kreuzberg.

zQ: Moin Ihr Zecken! Dürfen wir euch überhaupt so nennen?

Johnny Mauser: Also ich selbst benutze den Begriff auch, wenn ich zum Beispiel sage: „ Hey, coole Gegend hier, ’ne Menge Zecken unterwegs!
Wir haben den Begriff Zeckenrap ja selbst mitgeprägt, das ist unsere Bezeichnung für linken, politischen Rap.
Wir sind mittlerweile aber auch etwas von dieser „Neonschwarz ist Zeckenrap“ Schublade abgekommen. Du darfst mich gerne so nennen, ich würde mich aber nicht permanent so bezeichnen.

zQ: Der Rapper Swiss (ebenfalls populärer Repräsentant des Zeckenraps, Anm. d. R.) meinte, Neonschwarz sei für ihn kein Zeckenrap, weil die Sex Pistols ja auch keinen Song auf einen R’n’B Beat schrieben.

Johnny Mauser: Ich denke, er sieht dieses Label „Zecke“ auch eher als äußerliches Ding an. Also alle die so ein bisschen punkermäßig aussehen und eine rebellische Art an den Tag legen. Wir meinen das eher inhaltlich.

zQ: Ihr habt euer Record Release auf dem Balkon der roten Flora gefeiert. Haben sich die Nachbarn beschwert? (autonomes Zentrum und Herzstück der Hamburger Schanze, Anm. d. R.).

Mary Curry: Das war ganz schön episch! Wir waren alle sehr überwältigt. Da waren tausende Leute. Keiner von uns hatte damit gerechnet, dass es so voll würde.
Beschwerden gab es tatsächlich keine. Viele Nachbarn standen auf den umliegenden Dächern und Balkons und haben mitgefeiert. Keine Beschwerden!

zQ: Wobei ja der Unmut darüber besteht, dass das Schulterblatt (beliebter Kiez im Schanzenviertel, Anm. d. R.) mit Gentrifizierung zu kämpfen hat und allmählich zum Latte Macchiato Strich verkommt.

Johnny Mauser: Ja, die Flora hat deswegen auch Zettel verteilt, um die Anwohner zu informieren. Die Flora möchte ein positiver Ort für das Viertel sein. Durch die Presse wird sie oft nur als Stressmacher wahrgenommen. Genau genommen gehen da aber alle möglichen Leute zum Feiern hin. Die Flora ist ein total wichtiger Gegenpol zu den kommerzialisierten und kapitalistischen Stadtteilen.
Einige Nachbarn sehen das aber sicher anders.

Spion Y: Wir hatten auch befürchtet dass die Polizei das vorzeitig beendet.

zQ: Vor allem hat Herr Johnny Mauser da einen gewissen Song gespielt, der ja eigentlich auf dem Index steht. („Flora bleibt“, Johnny Mauser, Anm. d. R.)

Johnny Mauser: Da weiß ich nix von. Es waren auf einmal ein paar Maskierte auf der Flora, da waren wir aber schon im Backstage und haben Kindersekt getrunken.

zQ: Also nix passiert?

Spion Y: Ein Polizeiwagen war da und hat sich brav an die Seite gestellt. Und ein wenig professioneller abgesperrt als die Kollegen von der Flora.

Johnny M: Es waren 5000 Leute da mit Pyros, politischen Symbolen und Musik und es war trotzdem total friedlich. Die Polizei hat sich rausgehalten also ist auch nichts passiert. Wenn die jetzt mit Hundertschaften gekommen wären, um das Fest aufzulösen, hätte es sicher Stress gegeben.

zQ: Kennt ihr privat Polizisten? Keiner kennt privat Polizisten!

Johnny Mauser: Stimmt. Gut so!

zQ: Woran liegt das? Geht man da ab der 5. Klasse einen komplett anderen Weg?

Spion Y: kann man bestimmt nicht pauschalisieren, es gibt sicher welche, die privat ganz nett sind. Vielleicht ist es einfach nur Zufall, dass wir keine Leute kennen, die da abgerutscht sind.

Johnny Mauser: In den Polizeisumpf.

Spion Y: Mauser und ich hatten damals jemanden im Freundeskreis, der dann zur Polizeischule gegangen ist.

Johnny Mauser: Der hat mich irgendwann mal besoffen angemacht und wollte sich mit mir schlagen, da dachte ich auch: Geil, du willst Polizist werden, genau der richtige Job.

zQ: Vielleicht reden wir noch ein paar Worte über euer Album „Metropolis“?

Neonschwarz: Ja!

zQ: In welche Richtung habt ihr euch eurer Meinung nach verändert im Vergleich zum ersten Album?

Spion Y: Jede Band möchte mit dem nächsten Album einen Schritt nach vorne machen.
Wir haben vor allem versucht, mit noch besseren Produzenten zu arbeiten. Monroe, eine echte Größe im Hip-Hop-Bereich hat dann unser Album aufgenommen und abgemischt. Das ist ein großer Schritt, ich denke, das hört man auch.

Mary Curry: Ich würde sagen, das Album ist auch weniger poppig und Hip-Hop-lastiger geworden.

zQ: Ihr habt auch teils eine gewisse Nähe zu hartem Streetrap. Allerdings redet ihr weniger übers Mütter ficken.

Spion Y: Ich finde nicht dass harter Rap zwangsläufig von Waffen, Frauen und auf die Fresse handeln muss. Man kann ja auch hart und rough rappen ohne ständig Ferkelworte zu benutzen.

zQ: Wir empfehlen unseren Lesern den Studienabbruch. Was sind denn so eure Lieblingslücken im Lebenslauf?

Mary Curry:  Wenn das Studium scheiße ist kann man das ruhig schmeißen.

Johnny Mauser: Man kann auch das ganze Studium so lang ziehen dass man es nur noch als einzige Lücke begreift. Der Weg als Musiker ist in gewisser Weise eigentlich selbst schon eine große Lücke.

zQ: Der Albumname „Metropolis“ hat gar nicht so viel mit dem Film von Fritz Lang zu tun, haben wir festgestellt. (futuristischer Spielfilm aus dem Jahr 1927 über die deutsche Klassengesellschaft, welcher als Meilenstein für das heutige Kino gilt, Anm. d . R.)

Spion Y: Ich hab den noch nicht mal gesehen.

Mary Curry: Ist ja auch schwarz weiß und ein Stummfilm. Etwas anstrengend.

Johnny Mauser: Wir wussten natürlich dass es den Film gibt und dass er filmgeschichtliche Relevanz hat. Wir haben ihn aber erst im Zuge des Albumprozesses gesehen und da auch nur teilweise. In dem Film steckt viel gute Kritik, insgesamt sind wir aber viel bunter und haben andere Themen.

ZQ: Was bedeutet Metropolis denn ?

Spion Y: Wikipedia sagt, das bedeute Mutterstadt. Das Album sollte urban sein und Stadtbezug haben, aber eben zu keiner konkreten Stadt. Wir wollten nicht über Itzehoe rappen (Pendant zum gängigeren „Buxtehude“, Anm. d . R). Also heißt sie einfach Metropolis. Jeder soll sich seine Stadt selbst malen.

Mary Curry:
 Ist da nicht sogar eine Itzehoe-Zeile drin? Ich glaube an irgendeiner Stelle sagst du „Das ist nicht Itzehoe“

zQ: Können Leute vom Land dann überhaupt etwas mit eurer Musik anfangen? Klingt ja schon sehr Großstadt bezogen.

Johnny Mauser: Ja. Leute entscheiden sich ja oft bewusst für das Land. Wir sprechen auch oft darüber abzuhauen, weil alles zubetoniert und stressig ist.
Ich frage mich oft genug, warum ich mich eigentlich mit 2 Millionen Menschen in der Straße zusammenquetsche.

Mary Curry: Andererseits ist man dann mal 2-3 Tage auf dem Land und fängt sofort an sich zu langweilen.

Abrupt endete das Interview hier.  Das indische Restaurant, dessen Tische wir ungefragt aber hochprofessionell benutzt hatten, öffnete nämlich und bat uns, den Platz zu räumen.

 

Interview: Ilkan Atesöz, Luis Burghardt, Yana Duckwitz, Patrick Reuter

Photo by @ Franziska Holz/Judith Stryczek 2016

 

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