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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Cabrios tummeln sich im zäh breiig fließenden Berufsverkehr auf einer Brücke bei 28 Grad im Schatten. Gut gelaunte, kluge, geerdete Menschen aller Nationen und Körperformen steigen aus und singen („It’s another day of sun“). Klangvoll, aber nicht zuckersüß. Der Verkehr steht. Im Laderaum eines Lastwagens spielt eine Jazzcombo. Die Brücke tanzt quer über alle Autos, mit komplizierten Dance-Moves – yeah! Ein Musical.

Die Story

Mia und Sebastian verfolgen ihren Traum als Künstler:in in Los Angeles. Sie geht zu Vorsprechen für Rollen als Nebendarstellerin, er spielt Jazzpiano und musste gerade seinen eigenen Club geschlossen. Zunächst mögen sie einander so gar nicht, beginnen dann aber voneinander zu lernen, ihre Kunst weniger eng zu sehen, und trotzdem an die eigenen Träume zu glauben. Wie es sich für ein Musical gehört, wird gesungen, und zwar immer, wenn es ans Eingemachte geht. An Filmen wird alles zitiert, was die Hollywood-Musical-Geschichte so her gibt: Ginger Roberts & Fred Astaire, Woody Allen…

Und wie finden wir das?

Von den unromantischen Konfrontationen bis zur Vorstellungsgespräch-Montage für Nebenrollen läuft dieser Film anders ab als gedacht. Mia (Emma Stone, für diesen Film zurecht Oscar-Favoritin als beste Hauptdarstellerin) ist nicht sanft, sondern witzig, merkwürdig und gibt den Ton an. Sebastian (Ryan Gosling, spielt Jazzpiano mit einem Tastenanschlag aus dem Handgelenk, als hätte er nie etwas anderes gemacht) glaubt Leuten nicht, dass sie meinen, was sie sagen, und übergeht sie lieber.

Hier treffen nicht wie sonst oft Optimismus und Realismus aufeinander, sondern Realistin und pessimistischer Romantiker („That’s L.A. They worship everything, and they value nothing“.)

La La Land (der Titel spielt auf Los Angeles und zugleich auf die scheinbare Albernheit von Musicals an) ist zwar eine romantische Komödie im Stil der 30er Jahre (Regie Damien Chazelle, Whiplash), spielt aber im 21. Jahrhundert. Unverkennbarer Beweis: In G-Dur klingelnde Mobiltelefone inmitten eines romantischen E-Dur-Duetts.

Die beiden nehmen das Genre ernst. Stone und Gosling spielen es ernst, ernst, ernst, ernst. Es ist ja auch ernst. Im Leben nach etwas zu suchen, was einen trägt. Und die Liebe. Und dass man manches einfach nicht weiß.

Schlechtester Dialog

Zählt in einem Musical auch die schlechteste Setlist?

Sebastian muss in einem Restaurant Weihnachtslieder ohne den geringsten Groove oder Jive spielen: I Wish You A Merry Christmas und als nächstes Jingle Bells, klingt furchtbar, wird aber zum Glück auch schnell unterbrochen.

Schlechte Dialoge hat der Film nicht, was erstaunlich ist, wenn man so als ZurQuelle-Rezensentin mit gezücktem Tintenrollschreiber den ganzen Film darauf wartet und anstatt, dass einer kommt, denkt man jedes mal: Wow, guter Dialog.

Kleiner Tipp: Definitiv in die OmU gehen! Die deutsche Übersetzung kommt hier nicht hinterher.

Reaktionen aus dem Publikum

Nach zwei Minuten kommt Begeisterung auf, einzelne „Whoo!“-Rufe, rhythmische Bewegungen. Enttäuschtes Buhen, als der Filmtitel eingeblendet wird.

Lachen als Mia bei einer Audition plötzlich anfängt zu singen, dabei ist das voll die ernste Szene!

Am Ende erleichtertes Aufstöhnen, zeitgleich Applaudieren. Während sich der Saal sehr langsam leerte, sangen mindestens drei Personen in unterschiedlichen Reihen den Themesong.

Äh, und der Bechdel-Test?

Plenty. Obwohl, niemand hat Namen. Mist. Aber eine Vierer-Mädels-WG unterhält sich viel (in Dialog und Song) über den L.A.-Casting-Wahnsinn, berufliche Ziele, das Schreiben von Stücken. Den Namen des männlichen Protagonisten habe ich erst in der letzten halben Stunde aus dem Namen seines Clubs („Seb’s“, mit einer Achtel-Note als Apostroph) abgeleitet.

Fazit

Nie hätte ich von einem Musical erwartet, dass es so nah an dem dran ist, worüber ich oft vor dem Einschlafen nachdenke: Was ist das eigentlich für ein Leben, in dem das, was wichtig ist, nicht unbedingt das ist, was vernünftig erscheint?