Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Die Liebe zu Helene Fischer, der alten Naturgewalt, der sogar die Natur Respekt zollt.

Die Stadionterrassen am Olympiastadion an einem Berliner Juli-Tag. Das Quecksilber kocht. Und zwar so richtig. Aber so sehr ich mich auch danach sehne, in meinem Blickfeld eine gut abgehangene Jeanskutte zu erspähen, auf der akribisch ein abgefranstes Herthalogo aufgebügelt wurde … – es ist Sommerpause und ich muss schweren Herzens feststellen, dass ich die Aussicht auf guten Bundesligafußball wohl vorläufig begraben muss. Oder sagen wir mal: Die Hoffnung auf Fußball.

Wobei, dass das heute wahrscheinlich ohnehin nichts wird mit der Teilnahme an einem blau-weißen Feuerwerk auf dem grünen Geläuf, hätte mir eigentlich schon früher auffallen müssen.

Auf dem Bahnsteig in Charlottenburg.

Oder spätestens in der S-Bahn.

Denn – liegt an einem durchschnittlichen Spieltag eher ein Gemisch aus Angstschweiß, jeder rational denkende Herthafan aus Ungewissheit vor dem Kommenden absondert, und dem Duft feinsten Schultheiss‘ in der Luft, riecht es jetzt so, wie es riechen würde, wenn man pure Amore in kleine Glasfläschchen füllen könnte. Nach Erdbeerbowle und Prosecco. Nach Zuckerwatte. Die Endorphine sind förmlich zum Greifen. Und die Mimik der Menschen ist auch nicht von Abstiegskampfsorgen gezeichnet. Ganz im Gegenteil. Alle sehen aus wie verstrahlt, im besten Sinne. Und wie dröhnende Bässe kann man, wenn es im voll besetzten Waggon zu einem kurzen Moment der Stille kommt, das Schlagen der Herzen hören. Herzen, die Marathon zu laufen scheinen. Vor Aufregung. Aus Vorfreude. Wegen Helene. Helene Fischer.

Und obwohl ich eigentlich nur halbfreiwillig mitreise (die Karte wurde mir zum Geburtstag geschenkt) und in mir noch das Gefühl der Ungewissheit überwiegt, was dieser Abend wohl bringen mag, steigt auch der innere Euphorie-Pegel.

Denn: Die Stimmung um mich herum ist bombastisch. Trotzdem wird mir klar, um von der Laune her aufzuholen, komme ich an einer zügig einzuleitenden Druckbetankung nicht vorbei – ich muss schnell zu meinen Gefährtinnen und Gefährten des heutigen abendlichen Spektakels …

Im Gegensatz zu mir, haben meine Mitreisenden flüssigkeitsmäßig schon Maßnahmen getroffen – die halbedlen Gesöffe werden in rauen Mengen vertilgt – es ist, wie schon erwähnt, heiß und man ist sich offensichtlich der persönlichen Verantwortung gegenüber dem Gesundheitszustand seines Körpers bewusst: Flüssigkeit ist das A und O. Darüber hinaus hat man schon davon gehört, welche Leistungseinbußen mit einer Dehydrierung verbunden sein sollen. Und wenn man sich heute Abend etwas nicht erlauben kann, dann ist es ein ebensolcher Durchhänger. Weil: Helene ist (, wenn überhaupt,) nur einmal im Jahr. Und zusammenklappen, mitten während einer ihrer Hymnen – undenkbar. Klar, zwar meint Helene auch „wer ist schon fehlerfrei“, aber das würde man sich niemals verzeihen, zumindest nicht in diesem Leben.

Man ist also gut drauf, so richtig gut, hat sich sogar extra ein individuelles Fanshirt bedrucken lassen (und den großen Erdbeerbowle-Fleck am Kragen konnte man durch den besonders kessen neonpinken Schal von Forever 21 auch ziemlich gut überdecken).

Dementsprechend euphorisch trifft die Reisegruppe auf Zeit am Bahnhof Olympiastadion ein. Man zwängt sich gemeinsam die Treppe Richtung Ausgang Flatowallee hoch, ich verabschiede mich kurz innerlich von meinen neu hinzugewonnenen Lebensbekanntschaften und mache mich auf zu den Treppen an den Stadionterrassen, wo meine Verbündeten des heutigen Abends schon sitzen. Auch dort, die Sektbecher sind halb voll, nicht halb leer, das versteht sich heute wohl von selbst.

Ortswechsel: Wir haben mittlerweile unsere Plätze gefunden, mitten auf dem mit Plastikplatten zugepflasterten Spielfeld. Sicht – jetzt nicht so bombig wie erhofft, aber Top-Nachbarinnen – ein Pärchen im Mitte-Fünfziger-Bereich, welches sich dauerverliebt in die Augen schaut, drei Boys in schwarzen Tanktops mit der neongelben Aufschrift „Helene-Fischer-Ultras“ und ein Junggesellinen-Abschied. Wir sind uns sicher – das passt. Die Wartezeit wird uns versüßt von einem im knalligen  roten Anzug gewandeten Radiomoderator – Name leider vergessen -, der uns in die Geheimnisse der „Helene-Fischer-App“ einweist. Mit der haben wir die Möglichkeit, interaktiv an der Lightshow von Helenes „Farbenspiel“-Tournee teilzunehmen. Ein Raunen geht durchs Publikum. Und über dem azurblauen Himmelsrund scheint sich eine imaginäre Gedankenblase zu bilden: „NI-CER SCHEIß“. Aber gut, von der selbsternannten „Königin der Herzen“ hatten wir nichts anderes erwartet, die weiß wie man Feste feiert. So crazy ist nur Eine drauf: Too rich for Monaco, too famous for L.A., too hard for Moscow, just right for Berlin.

Und dann erscheint sie auf der Bühne. Am Anfang bin ich mir sogar nicht einmal sicher, ob es eine auf die Hitze zurückzuführende Wahnvorstellung ist, so schlagartig tritt sie in unsere Gegenwart, wie sie sich in der Vergangenheit schon in unsere Herzen gesungen hat. Vergleiche spotten an dieser Stelle zwar jeder Beschreibung, aber was nun passiert, ist eine Eskalation biblischen Ausmaßes. „Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und dieser weiß, dass er die Wahrheit sagt“ – Helene rocked die crowd. Und trifft mit ihren Zeilen mitten ins Herz:

 

„Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n, immer wieder mich an dich verlier’n.

Will das Leben leben wie ein Tanz auf dem Vulkan.

Ich will immer wieder neue Sterne seh’n, immer wieder mit dir tanzen geh’n.

Wenn die Nacht beginnt, dann brauch‘ ich dich – Nimm dir Zeit für mich.“

 

Damit trifft sie mitten ins Herz, so etwas pushed und bringt einen ans eigene emotionale und körperliche Limit. Die Zeilen verfehlen die Wirkung nicht, weder bei mir, noch bei den Anderen im großen Rund. Wir scheinen ihr zurufen zu wollen: „Ja, Helene, wir nehmen uns Zeit für dich, lass uns gemeinsam eben jenen Tanz auf dem Vulkan tanzen. Denn die Hölle morgen früh ist uns egal!“

Es wird in die Hände geklatscht, als wären sie nur dafür geschaffen worden. Es wird gehüpft und geschunkelt. Menschen liegen sich in den Armen und drücken sich, wie, um sich dessen zu vergewissern, dass das gerade echt ist. Dass sie Teil des Ganzen sind.

In der vollen Gewissheit, dass Momente wie dieser rar gesät sind im Leben. Und, dass das Leben eigentlich nur dahin ausgerichtet sein sollte, Momente wie diese erleben zu dürfen. Menschsein in Vollendung. Die Grenzen zwischen den besungenen Traumwelten in Helenes Liedern und der scheinbaren Realität scheinen sich aufzulösen. Und wir sind mittendrin.

Und, als wenn der Himmel wüsste, dass er die konzentrierte energetische Aufladung am Boden dramaturgisch zu untermalen hat, lässt er Blitze hageln und Donner grollen. Als wäre das noch nicht genug, ziehen wir mit „Atemlos“ an der Seite von Frau Fischer in einen nahezu existenzialistischen Kampf der Naturgewalten – Wassermassen stürzen auf uns herab, Klamotten fliegen durch die Gegend, blanke Haut und Menschenmassen, die zu einer sich liebenden Einheit verschmelzen. Auf einmal erinnert alles viel mehr an die Abschlussszene von Patrick Süskinds „Das Parfum“. Und dann die Ruhe nach dem Sturm – doch ganz sacht und leise weht ein Wind – und der trägt einen Namen.

Von Silvan Pischnick

Datum:
Text: