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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Ein Kinderstück? Für Erwachsene oder Studierende? Really? Warum sollte man sich diese Inszenierung fernab vom Kindesalter ansehen?

Das Hemd des Glücklichen – eine Inszenierung des Hans Otto Theaters in Potsdam, geschrieben von James Krüss, Regie von Robert Neumann, und für jede Altersklasse empfehlenswert. Es geht um einen König. Er ist krank, wie sehr viele Könige in sehr vielen Märchen. Er ist krank, faul und dick. Natürlich hilft nichts dagegen und natürlich kommt ein wundersamer Doktor, der intelligenter, qualifizierter und krasser ist als alle anderen Mediziner vor ihm. Göttlich gespielt von Julian Mehne, rät der subtil sarkastische und gewitzte Doktor Lutz dem König (Peter Wagner), er brauche das Hemd eines Glücklichen.

Wie jetzt? Und wo kriegt er das her? Das ist schon eine seltsame Medizin. Wie soll ihm denn ein Hemd helfen? Der König fragt nicht länger und schickt lauthals seinen Hauptmann vor. Soll der doch nach dem Hemd suchen. Doch nach dessen Versagen beruft sich der Doktor auf sein bereits verschriebenes Rezept, dem König helfe nur das Hemd eines Glücklichen und es sei absolut notwendig, dass er sich selbst auf die Suche danach mache. Mit ächzen, kreischen, im Bett hin und her wälzen und anderen Tänzchen kann sich der König endlich aufraffen und begibt sich gemeinsam mit dem Doktor auf die Suche.

Zum einen verarbeitet der Autor in diesem Stück die Utopie, in die sich die Herrschaftsträger selbst begeben, sodass der König auf seiner Reise schnell erkennt, dass es den Menschen in seinem Königreich doch nicht so gut geht, wie er glaubt. Zum anderen lässt sich das immerwährende Motiv des Glücks finden. Hierbei spielt das Materialistische, also das Hemd, eine eher untergeordnete Rolle. Vielmehr gilt es nicht das Hemd zu finden, sondern den Glücklichen, der das Hemd trägt, um sich von dessen Wohlbefinden anstecken zu lassen.

Das spiegelt sich natürlich auf der Bühne wieder. Solch ein kreatives und phantasievolles Bühnenbild hat man selten gesehen. So wird zum Beispiel mit aufwändigen Projektionen und Schattenspielen gearbeitet. Die Lichteffekte werden dem Schattenspektakel gezielt angepasst. Hier wird mit verschiedenen Blickwinkeln, Tempi und dem Zusammenspiel von Schatten und Schauspielern gearbeitet. Silke Pielsticker hat aber nicht nur für die Bühne ein ausgefallenes Konzept. Auch die Kostüme sind quirlig, farbenfroh, intensiv, fast schon neon-geil! Lila, gelb, blau – die Farben strahlen die Zuschauer derart an, dass man meint, alles sei mit Perwoll gewaschen.

Foto: Göran Gnaudschun

Musikalische Untermalung gibt es durch Rita Herzog am Klavier. Passend zur Handlung bereichert sie das Stück durch treffend ausgefeilte Klänge, die nicht nur klassisch durch Tasten erzeugt werden, sondern auch durch das Eingreifen in den Innenraum des Instruments. Rita Herzog ist jedoch nicht nur Pianistin, sie wird von den Schauspielern in das Stück eingebunden. Durch Mimik und Gestik signalisiert sie der Handlung zu folgen, nickt oder verneint und zeigt Gefühle. Diese kleinen Details sind für Kinderaugen noch relativ unsichtbar, für Erwachsene hingegen umso interessanter.

Beeindruckend sind die schauspielerischen Leistungen: vierzehn Rollen, verteilt auf vier Schauspieler –  und bemerkenswert dabei ist, dass die Verwandlungen zwischen den Rollen kaum sichtbar sind. So ist es schwer herauszufinden, dass Peter Wagner sowohl den König, als auch den ersten Soldaten spielt. Die beiden Soldaten waren aber auch der Hammer – dieser geistreiche Humor, der die älteren Zuschauer zum lateralen Denken anspornt. Die kleinen Gäste freuen sich über das Märchen, die Lieder, die Geschichte; den Großen wird geholfen, die Phantasie mal wieder auszuführen, es wird ihnen eine Lektion in Leichtigkeit und Schwung im Leben gegeben und das Schöne an dem Stück ist, dass die Großen auch die verschiedenen Ecken verstehen, um die dieses Stück gebaut ist.

Die nächsten Termine sind am 23. Oktober sowie am 2. und 3. November in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam.

 

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Text: Patricia Dietrich

Titelbild: Göran Gnaudschun

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