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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Antony von Antony and the Johnsons ist jetzt Anohni. Mit dem neuen Namen und dem neuen Geschlecht beginnt auch eine neue Ära in dem Schaffen der Künstlerin. Mit geballter Power versucht sie nun, die Welt zu retten und die Menschheit aufzurütteln.

Als Anohni Anfang des Jahres ihr neues, ihr erstes Album ankündigte, ging eine Welle durch die Musikwelt. Und die Aufregung stellte sich als gerechtfertigt heraus. Die Stimme Anohnis, sphärisch, tief und wohlig, ist immer noch die von Antony. Sie umarmt mütterlich und scheint doch übermenschlich, weder männlich noch weiblich.

Aber die Künstlerin hat einen neuen Stil: stark, laut und selbstbewusst. Das Album ist anders als die moderne Kammermusik, die wir von Antony and the Johnsons kennen. Die neue Musik ist tanzbar und elektronisch. Hierdurch grenzt sich Anohni von Antony ab. Obwohl das Album Hopelessness heißt, strotzen die beiden ersten Singles vor Energie und Lebensfreude.

Schon jetzt wähnt sich die Musikwelt sicher, dass die Tour zu Hopelessness im Sommer ein Erfolg wird. Es sind große Hallen, in denen sie auftreten wird und die Menschen werden tanzen – denn das soll das neue Album sein: ausdrucksstarke Tanzmusik. Gleichzeitig möchte Anohni mit der Musik aber auch anklagen. Sie soll wütend sein und die politischen Entwicklungen der Welt zur Sprache bringen: Themen wie Dronenangriffe auf Kinder oder den Klimawandel etwa.

Anohni wird vom Jungen zur Frau

Es scheint, als habe Anohni ein Kapitel ihres Lebens abgeschlossen. Noch in For Today I Am A Boy aus dem Jahr 2005 klangen die Hoffnungslosigkeit, die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst und der eigenen Geschlechteridentität wie Fragen. Wie kann sie sich selbst als Frau definieren, wenn der Rest der Welt eine als Jungen sieht? Eine Textzeile lautet: »One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman. But for today I am a child, for today I am a boy.«

Nun ist sie erwachsen. Das neue Album ist eine Antwort. Es ist eine laute Antwort, die keine Fragen braucht. Und eigentlich ist es auch eine Anklage. Anohni hat sich selbst gefunden und geht nun zum Angriff über.

Das neues Album von Anohni beschreibt sie als ein Trojanisches Pferd, das sich in unseren Ohren einnistet und unser Gehirn zum Denken anstößt. »Das Schockierende an dem Album ist, dass alle zu mir meinen: ›Es ist so extrem, dass du das tust!‹ nur um dann zu sagen: ›Ich stimme dir voll und ganz zu.‹ Aber wieso sprechen wir es dann nicht aus?«

Der Weg zu diesem neuen Ich bleibt für Anohni jedoch privat. Er soll nicht in ihrer Musik thematisiert werden. Stattdessen ist da eine neue, eigenständige Person. Fragen nach dem Wandel lehnt sie in Interviews bestimmt ab, legt aber großen Wert darauf, dass über sie mit weiblichem Pronomen gesprochen wird.

»Ich finde, Worte sind wichtig. Einen Menschen mit seinem von ihm gewählten Geschlecht zu bezeichnen, erkennt seinen Geist, sein Leben und seinen Beitrag zur Gesellschaft an. Das Wort ›Er‹ ist ein unsichtbares Pronomen für mich. Es leugnet, es negiert mich.«

Mehr als Musik

Neben der Tour beglückt uns die Sängerin mit noch mehr Kunst. In der Kunsthalle Bielefeld kuratiert sie von Ende Juli bis Anfang Oktober die Ausstellung My Truth, in der auch Werke von ihr selbst zu sehen sein werden. Sie konfrontiert die Besucherinnen mit Kollagen, Zeichnungen und Arbeiten mit Wachs, Haar, Aluminium und anderen Materialien.

Zum einen thematisiert sie hiermit ganz weltliche Probleme, unter anderem den ökologischen Niedergang. Zum anderen liegt bei allen Arbeiten ein Fokus auf der Materialität und ihrer haptischen Komponente, also wie sich Dinge anfühlen und wie es sich anfühlt, selbst körperlich präsent zu sein.

Die Umstellung von Antony zu Anohni ist mehr als eine Formalität. Sie setzt ein Zeichen. Anohni ist zu der ›beautiful woman‹ geworden, und hat sich emanzipiert. Dieser Schritt war notwendig: Die nach innen gekehrte Musik, in der sie ihre Beziehung zu sich selbst thematisiert und verarbeitet hat, war das Werk Antonys.

Die erwachsene Frau Anohni ist nun bereit, nicht nur sich selbst zu befreien. Sie steht nicht allein für sich selbst und ihre Anerkennung in der Musikwelt ein, sondern auch für die Menschen um sie herum. »Du kannst nicht aktiv für LGBT-Rechte kämpfen, ohne zu versuchen, die Welt zu retten.«

Und eigentlich ist das die Message, die sie in ihrer Musik, ihrer Kunst und als Person ständig wiederholt. Deswegen versteht sich ihr neues Album als Anklage und deswegen spürt man die Wut in ihrer Musik. Anohni hat als Person, die sich von den Fesseln der Gesellschaft befreit hat, die Kraft, an das große Ganze zu denken. Und dafür zu kämpfen, dass dieses Ganze etwas lebenswerter wird.