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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Die Quote lügt. Die Zuschauerzahlen der neuen X-Factor-Folgen täuschen über das, was die vielen Menschen da am Ende geguckt haben. Unsere Autorin hat es sich trotzdem angetan.

 Es wird kalt da draußen. Und wenn es draußen kalt ist, will ich erstens vor den Fernseher und mich in gruselig-kindliche Nostalgie kuscheln und zweitens in meinen alten Plastik-Weihnachtspulli. Am Sonntagabend liefen zwei Folgen der Neuauflage von »X-Factor: Das Unfassbare«. Ich versuchte also, zumindest Punkt eins abzuhaken.

Beim Vorspann ist die Welt noch in Ordnung und so wie früher. Wie damals in der goldenen Zeit,   bevor alles vor die Hunde ging und als Loona noch täglich im Radio lief: Den 90ern. Doch dann kam alles anders. Wo sind die bekannten Requisiten? Das Bücherregal, der alte Schreibtisch? Warum ist da eine Treppe im Raum? Warum liegt da Stroh?

Mir ist das alles zu deutsch, zu Galileo, zu Berlin Tag und Nacht. Wenn ich an mein »X-Factor« denke, dann denke ich an krisseligen 90er Charme, amerikanische Vorstadtklischees und Star Trek.

Nun weiß ich natürlich, dass X-Factor nie einfach X-Factor war. X-Factor war in Deutschland ein Riesenerfolg. Deswegen hat man hierzulande noch andere Serien in den Kanon aufgenommen und sie einfach umgetauft. Im Original hieß die Serie nämlich gar nicht X-Factor, sondern »Beyond Belief: Fact or Fiction?«.

Aus »The Paranormal Borderline« wurde im Anschluss »X-Factor: Die fünfte Dimension«, aus »Scariest Places on Earth« wurde »X-Factor: Die wahre Dimension der Angst« und so weiter. Die Marke X-Factor ist und war immer deutsch, deswegen ist es natürlich vermessen, wenn ich dem Remake abspreche, sich einreihen zu dürfen. Und trotzdem: Das ist nicht mein X-Factor.

Dit wird nix

Es ist wie mit dem Weihnachtspulli. Als Kind fand ich ihn toll. Ich trug ihn aus voller Überzeugung, bis ich erkannte, wie scheiße Plastik ist. Und aus wie viel davon mein Pulli besteht. Was ich Sonntag im Fernsehen sehe, bringt mich in Bedrängnis. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Liebe und Abneigung.

Denn eigentlich ist das »X-Factor« Remake das, was »X-Factor« immer war: Plastik. Aber es ist eben nicht mehr das gute alte Billigprodukt aus den USA, sondern modernisiert mit ganz viel polymeren Polyethylen und gesättigten Polyethylenterephthalaten. Außerdem weiß ich heute doch immer noch, dass Plastik schlecht ist.

Soll ich den Pulli also weiter tragen, weil ich ihn noch mag? Soll ich Detlef Bothe, den neuen Moderator akzeptieren, obwohl er weder mir noch der Serie gut tut? Denn mit Jonathan Frakes verhält es sich wie mit dem Weihnachtsmuster auf meinem Pulli. Es ist hässlich, aber ohne ist es nur ein Pulli.

Detlef Bothe und seine falsche Dramatik sind hingegen wie der Essensfleck, der sich irgendwann mal auf meinen Pulli gemogelt hat – ich möchte ihn loswerden, auch wenn ich weiß, dass die Waschmaschine wohl den ganzen Pulli auflösen würde.

Mein X-Factor ist tot

Ich bin ehrlich. Nicht jede Folge des echten »X-Factor« hat gezündet und mein verklärter Blick von heute verzerrt die Realität von damals. Damals, als noch alles gut war. Als wir nackt im Garten zu Boomfunk MCs getanzt haben während uns die Nachbarkinder mit Gogos beworfen haben.

Und doch ist heute eine ganz neue Dimension des Unfassbaren am Werk. Bei X-Factor sieht alles billig aus, die Schauspieler wirken laienhaft und die Dialoge grottig. Die Handlung ist vorhersehbarer als die Antworten von Dr. Sommer.

Da ist die Kleingartenbesitzerin, deren Hund ihren Vermieter beißt. Der wollte den Hund loswerden, freut sich aber im Krankenhaus, dass er wegen des Bisses nun rechtzeitig erfährt, dass er Krebs hat. Der zwielichtige Untermieter in einer anderen Story ist außerdem eine alte Urban Legend aus dem Internet – um nur zwei der sechs Storys herauszustellen.

Und übrig bleibt die Nostalgie

 Manche Dinge kann man sich nicht schöntrinken. Und hinterher ist sowieso zu spät. Bleibt also nur eins. Ich stecke die Sendung dahin, wo auch der alte Weihnachtspulli auf ewig währt. Im Schrank der Erinnerungen. Da, wo die Trollis sind, die Chupa Chups mit Kaugummi drin und die Power Rangers.

Ich schmeiße sie nicht weg, denn sie sind mir lieb und teuer. Aber sie sind doch zu billig, um sie zu tragen und ich kriege einen fiesen nässenden Ausschlag davon. »X-Factor« soll in meinem Kopf so bleiben, wie es damals war. Ich brauche keinen Plastikpulli tragen, um zu wissen, dass ich meinen Plastikpulli liebe. Und meine Liebe wird der Wirklichkeit nie standhalten können.

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