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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

ZurQuelle geht in die Sneak. Jede Woche. Wir wissen nicht, was kommt. Aber weil Filme schön sind und wir auch, passt das.

Ein schwarzer Hintergrund, zarte Streichmusik und sanft rieselndes Konfetti führen in eine skurrile Einstiegsszene: Vor einem roten Vorhang tanzt ausgelassen, beinahe übermütig eine rothaarige, sehr übergewichtige und vor allem sehr nackte Frau. Mit nichts weiter bekleidet als mit weißen Overknee-Stiefeln räkelt sie sich zu dieser zum Träumen verführenden Musik, spielt mit der Kamera und schwingt ihre üppigen Hüften und Brüste.

Die Story

„Nocturnal Animals“ von Tom Ford (ja, tatsächlich der Designer-Futzi) beschreibt die Welt von Susan (Amy Adams), einer erfolgreichen, stinkreichen Künstlerin, die vom Leben angeödet ist, in einer unglücklichen Ehe steckt und eines Tages ein Manuskript ihres Exmannes Edward (Jake Gyllenhall) erhält. Dessen Roman, ein brutaler Psychothriller, handelt von einem Mann, dessen Frau und Tochter entführt und ermordet werden und von seinem Versuch, die Täter zu fassen. Während Susan das Werk geradezu verschlingt, zieht sie Parallelen zu dieser unangenehmen, bestialischen Geschichte und ihrer vergangenen Beziehung zu Edward. Was den dritten Handlungsstrang des Films einleitet, nämlich dem Romanzenbeginn der beiden.

Und wie finden wir das?

Nun ja, der Film ist komplex und simpel zugleich. Eine steinreiche, verwöhnte Trulla langweilt sich in ihrem Überfluss und mit ihrem unverschämt gutaussehenden, aber natürlich untreuen Ehemann in der Luxusvilla. Da kommt ein Wink aus der Vergangenheit doch gerade Recht. Edward, der sensible Schriftsteller, den sie mal geliebt und der nun diese Geschichte geschrieben hat, benannt „Nocturnal Animals“, dem Spitznamen, den er ihr einst gab. Sind die Parallelen, die sie in seiner Geschichte zu sich selbst zieht nun beabsichtigt oder ist es Ego-Einbildung? Man weiß es nicht. Aber es macht Spaß. Drei verschiedene Handlungsstränge, die man sich alle mit einem gewissen Abstand reinziehen kann, die teilweise sehr verstörend sind (Edwards Manuskript hat es in sich und Aaron Taylor-Johnson spielt den gruseligen Psycho großartig) und uns dann doch wieder in die oberflächliche Hollywood-Glamwelt lotsen, sind unterhaltsam.

Es gibt von allem etwas: Ein düsterer Thriller mit Gewalt, Rache und Psychozeug trifft auf die gelangweilte Rich Bitch. Eingepackt in eine Rahmenhandlung über eine junge, unverbrauchte Liebesgeschichte.

Sicher gibt es bessere, deepere, krassere Filme, aber cool ist „Nocturnal Animals“ schon. Tom Ford hat. auf ein sehr stimmiges Bild geachtet. Motive, Geräusche, sogar Haarfarben finden sich immer wieder in den verschiedensten Situationen und Zeiten wieder und so weiß der Zuschauer selbst nicht so genau: Ist die Geschichte tatsächlich direkt an Susan adressiert? Oder doch nicht?

Schlechtester Dialog

Susan und Edward treffen sich nach längerer Zeit wieder und sitzen im Restaurant. Sie sprechen über Susans Talent und ihr ursprüngliches Vorhaben Künstlerin zu werden:

„Du unterschätzt dich, weißt du das?“

Lange Pause

„Edward, möchtest du mit mir nach Hause gehen?“

Lol.

Reaktionen aus dem Publikum

Gekichere, Gegrunze, manchmal sogar Gelächter (der mürrische Lieutenant, der Tonys Fall ermittelt, bringt ein wenig Humor in die ganze Sache). Gegen Ende fangen Menschen an eifrig zu murmeln. Das ist kein Wunder, der Film möchte gemeinsam auseinandergenommen werden.

Äh, und der Bechdel-Test?

Nun ja, Mutter Laura und Tochter India (Figuren aus dem Buch) sprechen darüber, dass alles gut wird und sie sich keine Sorgen machen sollen. Sie befinden sich gerade in einer unfassbar unangenehmen Situation, werden bedroht und haben andere Sorgen, als sich über Männer zu unterhalten. – Andererseits wurde diese Situation nur durch Männer verursacht. Lassen wir das gelten? So halb vielleicht.

Fazit

Der Film gibt sich große Mühe weird, düster und künstlerisch zu sein, ohne es komplett zu schaffen. Darüber kann man aber hinwegsehen.

Großartige Schauspieler, traumhafte Filmmusik und Jake Gyllenhall (Halloho!) in Kombination mit einer ganz netten Story und einem befriedigenden Schluss (passiert ja auch nicht so oft) sprechen definitiv für “Nocturnal Animals”.