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Netflix hat eine Doku-Serie über Hooligans veröffentlicht. Statt kritischer Auseinandersetzung setzt sie auf Voyeurismus und die Faszination von Gewalt. Zeit um etwas kritischer über die Serie und Fußballgewalt zu reden.

Männer zeigen stolz die Straße, in der ihnen vor 30 Jahren die Zähne rausgeschlagen wurden. Trotz inneren Blutungen sind sie heldenhaft aufgestanden. Damals als die Welt noch in Ordnung war: keine Überwachung, keine Reise- und Stadionverbote. Die Doku-Serie »The Real Football Factories« erzählt die Geschichten von den Prügelfirmen und Hooligans. Ein nostalgischer Blick, der Kritik weitgehend beiseite lässt, um sich sensationslüstern am Milieu der harten Schlägertypen zu ergötzen. Doch ist es angebracht eine Subkultur zu glorifizieren, in der sich neben der Gewalt auch faschistische Strukturen breit gemacht haben?

Brutale Männerbünde

Im Jahr 2004 erschien »The Football Factory«, ein Spielfilm über Hooligans. Im Gegensatz zu dem Abklatsch aus Hollywood »The Hooligan«, gibt sich der Streifen große Mühe das Prügelmilieu moralfrei zu feiern. In der Doku-Serie »The Real Football Factories« führt der Hauptdarsteller aus dem Film von 2004, Danny Dyer,  als Erzähler durch die wahre Welt der Hooligans. Ein Zitat von Ian Stuttard steht stellvertretend für alles, was an der Doku-Serie falsch ist: »Junge Männer kämpfen einfach gerne!«. Die Suche nach soziologischen Ursachen sei somit sinnlos. Boys will be Boys. »The Real Football Factories« übernimmt dieses Motto und feiert lieber die kleinen Männerbunde und ihre legendären Kloppereien. Danny Dyer spricht bedeutungsschwanger mit einer Stimme, als würde er seinem Kumpel im Pub nach 10 Pints die Welt erklären wollen.

Alle ehemaligen Hooliganschläger schwelgen in sanfter Nostalgie und erzählen größtenteils mit stolz. Jaja, »the old days…«. Endlich können sie ihre Geschichten vor der Kamera erzählen und nicht nur den Freunden, die nur noch die Augen verdrehen, weil sie den Quatsch schon tausendmal gehört haben. Im schlimmsten Fall sitzt der (natürlich männliche) Nachwuchs schon mit im Pub und berichtet von der ersten Haftstrafe wegen »Football-related violence«

Der düstere Reiz von bösen Jungs, die sich treffen und sich kloppen, lässt sich nicht leugnen. Vor allem, wenn sie sich als »Psychopathen« inszenieren, bei jeder Schlägerei unberechenbar und verrückt. Das passt zu dunklen Gangstererzählungen von Filmen wie »Scarface«, »Bronson« oder »Dexter« – ein Blick in eine fremde Welt. Ein Blick der ungefragt einen voyeuristischen Reiz mit sich bringt.

Auf dem zweiten Blick ist die ganze Inszenierung dann doch eher traurig. »The Real Football Factories« bietet alte Männer, die ihre Feindschaften und Gefechte der Vergangenheit erinnern, als hätte es irgendeinen höheren Zweck gegeben. Als hätte irgendwer was anderes gewonnen, als Haftstrafen, Verletzungen und Stadionverbote. So ruhmvoll erscheint das von außen dann leider doch nicht.

Die wollen doch nur spielen…

Aber Firmen der Hooligans der 70er und 80er zählen laut Danny Dyer »zur Sozialgeschichte der Arbeiterklasse«. Auch wenn sie in der Doku-Serie ja eigentlich nicht über Soziologie reden wollten. Aber dann wird auch kurz nochmal Massenarbeitslosigkeit erwähnt, bevor wieder die Starprügler reden dürfen. Irgendwie muss man das ganze oberflächliche Geschwafel über alte Säcke mit Schlägervergangenheit halt rechtfertigen. Tatsächlich trifft es für die 70er und 80er wohl zu, dass die Hooligans aus der Arbeiterklasse und prekären Verhältnissen stammten. Heute ist das nicht mehr so: »Selbst unter den ganz Harten der Hooliganszene trifft man heute mehr Lehrer, Verwaltungsangestellte oder selbststständige Kleinunternehmer als arbeitslose Hauptschulabbrecher«, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung im Jahr 2010.

Über faschistische Hooligangruppen, die sich beispielsweise in der extrem Rechten English Defence League organisieren, wird in »The Real Football Factory Factories« nicht gesprochen. Weder in Großbritannien, noch in Europa, thematisiert die Serie dieses Thema tiefergehend. Pikanterweise trifft sich Danny Dyer in der Doku-Serie mit deutschen Hooligans in Köln und es wird über den Zusammenhalt der deutschen Hooliganszene geschwafelt.

Dabei haben in Deutschland spätestens die »Hooligans gegen Salafisten« (HoGeSa) und die Band »Kategorie C« bewiesen, dass die Männerbunde auch zu prächtigen rechten Kameradschaften mit der entsprechenden Ideologie mutieren können. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung weist in einem Artikel von 2006 darauf hin, dass auch wenn politische Orientierungen meist »kein wesentliches Merkmal« seien, hätten »rechtsradikale Parolen eine gewisse Verbreitung« erlangt. Andere, wie der Politikwissenschaftler Richard Gebhardt, betrachten das Selbstverständnis vieler Hooligans als unpolitisch als »Lebenslüge«. Die Band »Kategorie C« ist mit Textzeilen wie diesen ein lebendiger Beweis: »Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Führer vorn, Vorwärts die Oi traben, lustig schmettert das MG« (vom Album Fußballfest ’98).

Die Liebe fürs Spektakel

Grundsätzlich scheinen faschistische Tendenzen im Geschwafel von »Revier verteidigen« und »Stolz« schon angelegt. Selbst das ein Hooligan bei den verwendeten Archivaufnahmen zweimal den Hitlergruß macht, scheint erst keinen Kommentar wert. Die Geste und dazugehörige Tendenzen werden dann doch noch thematisiert; so oberflächlich wie möglich. Jaja, Rassismus gibt es schon, aber reden wir doch lieber über was anderes. Zum Abschluss liefert sich der lustige Dany noch einen Scheinkampf mit den Kölner Hools. Ziemlich lustig und heldenhaft.

Dafür werden in »The Real Football Factories« inklusive und ethnisch durchmischte »Firmen« gezeigt, in denen Fragen rund um Herkunft und Hautfarbe hinter der Liebe zum Verein, fürs Viertel und für Prügeleien verschwinden (nicht uninteressant). So z.B. die »Zulus« in Birmingham, eine ethnisch durchmischte »Firma« der 80er. Einer ihrer Mitglieder berichtet in »The Real Football Factories«, wie Gegner sie mit »Sieg Heil!« rufen provozierten und selbst Wikipedia schreibt, dass sie im starken Kontrast zu den anderen Hooligan-Firmen gestanden hätten. Diese waren nicht nur »universally white«, ihre Mitglieder waren auch in extrem Rechten Gruppen und Parteien aktiv, wie der National Front.

Im Großen und Ganzen will die Serie aber das Spektakel feiern, die düstere Faszination des Milieus zelebrieren und in alten Zeiten schwelgen, als die Polizei noch nicht die Oberhand hatte. Braune flecken werden dabei ebenso übergangen, wie eine ernsthafte soziologische Betrachtung.

Netflix bewirbt die Serie mit einer gehörigen Sensationsgeilheit: »Hören Sie von echten Hools, wenn sie von bitteren Rivalitäten und wilden Schlägereien erzählen.«

»The Real Football Factories« scheint, wie so viele trashige Doku-Serien dieser Tage, auf Spektakel ausgerichtet. Am Ende stehen keine wirklichen Erkenntnisse und Einsichten. Eine genauere Betrachtung und etwas mehr Soziologie wären nicht verkehrt gewesen.

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