Zum Seiteninhalt

ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

»Die Würde, mit der du geboren bist, diese Würde ist deine Freiheit. Und glaub mir, diese Freiheit ist mehr als genug für dich, um eine Revolution zu beginnen«

Stoffbahnen. Blaues Licht. Äste auf dem Boden. Zwischen dem kargen Bühnenbild stehen, laufen und kauern neun Menschen. Sie alle treibt dieselbe Frage umher: Was ist Freiheit?

Es ist diese uralte Diskussion, die dem Stück »Freiheit« zu Grunde liegt. Neun SyrerInnen haben sich zusammengeschlossen, um ihre persönliche Antwort zu finden – und sie auf die Bühne zu bringen. Drei Monate lang probten die DarstellerInnen dafür unter der künstlerischen Leitung von Magdalena Scharler. Herausgekommen ist mittlerweile bereits die dritte Produktion des Vereins syn:format e.V., die geflüchtete Syrerinnen und Syrer zu den HauptdarstellerInnen ihrer eigenen Realität werden lässt.

Aufarbeiten der Identitätsfrage

Begonnen hat die Projektreihe im Sprachkurs einer Geflüchtetenunterkunft. Scharler, selbst Schauspielerin, unterrichtete dort Deutsch und gab Theaterworkshops. Nach und nach entwickelte sich die Idee, ein richtiges Stück zu machen und aufzuführen.  Im März 2016 feierte die erste Produktion »Letter TO THE WORLD«  Premiere – damals nur auf Arabisch und Englisch. »Die Fluchterfahrung der Darsteller war damals noch sehr frisch. Es ging allen voran um die Frage nach Identität und ihrem neuen Status als ‚Geflüchtete’«, berichtet Scharler. »Direkt daraus entsprang dann die Frage, was und wo eigentlich Heimat sei. Diese Thematik haben wir im zweiten Projekt »Deine Heimat. Meine Heimat.« aufgearbeitet. Das Stück »Freiheit« ist für uns wie ein Abschluss dieser Trilogie. Die Produktionen haben sich auseinander ergeben und somit aufeinander aufgebaut. Der letzte Satz des aktuellen Stückes, »Du kannst meine Hand jetzt loslassen« ist daher von starker Bedeutung.«

© Leonie Schöler

Zwischen den Realitäten

Die neun ProtagonistInnen führen größtenteils Monologe mit sich selbst – und schaffen es dennoch, das Publikum für anderthalb Stunden komplett in ihren Bann zu ziehen. Voller Ehrlichkeit und Poetik schildern sie ihren inneren Kampf mit der Frage, wie ein glückliches, freies Leben aussehen kann. Zentraler Konfliktpunkt dabei ist immer wieder die Zerrissenheit eines Lebens zwischen zwei Realitäten. Der Krieg in Syrien, der Leben, Heimat und Vergangenheit so vieler auslöschte und die Flucht nach Deutschland, in dem man nie richtig dazugehört und dennoch glücklich sein soll.

»Was ist das für ein Schicksal? Wie kann ein Mensch, der fühlt und denkt damit umgehen? Wie ist das jetzt über mehrere Generationen, seit mehr als sieben Jahren?« (Zitat aus dem Stück, von Arwa Azzous)

Man streitet, auch untereinander, doch hauptsächlich mit sich selbst. Über den Umgang mit der Vergangenheit, den Traditionen und Gott. Über die Einsamkeit, die Ängste und die Wut. Und immer wieder darüber, wie man Freiheit leben kann, wenn das Herz und die Gedanken um ein Land kreisen, in dem Freiheit nicht (mehr) existiert.

Wer ist schon frei?

Hares Alraad ist einer der Hauptdarsteller des Projekts und bereits seit Anfang an dabei. Der Theaterkurs war für ihn die Ausflucht aus der Langeweile der Geflüchtetenunterkunft. In Syrien habe er auch schon viel Theater gespielt. Das Projekt hier habe ihm die Möglichkeit gegeben, Kontakt zu Deutschen zu aufzunehmen und die Sprache besser zu lernen. »Ich schreibe privat sehr viel über meine Ideen und Gefühle. Auch die Texte für meinen Part habe ich größtenteils selber verfasst.« Das Thema ‚Freiheit‘ lag ihm sehr am Herzen:

  »Mein ganzes Leben lang dachte ich: Die Freiheit in Europa ist anders als die in Syrien. Seit ich in Deutschland bin ist mir bewusst geworden, dass die Europäer auch nicht komplett frei sind. Die Bürokratie, die Grenzen – alle wollen frei sein, aber niemand ist es wirklich«

Alraad empfiehlt jedem sich das Stück anzusehen, der oder die auf der Suche nach Freiheit ist. Magdalena Scharler pflichtet ihm bei – die Schicksale sind nicht die von Opfern, sondern von Menschen, deren Geschichten es verdient haben gehört zu werden. Sie erhofft sich, dass die DarstellerInnen durch das Projekt wieder zu sich selbst und ihrer inneren Kraft zurück finden. Gleichzeitig soll die Produktion die ZuschauerInnen dazu bringen, sich mit ihren eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

© Leonie Schöler

Schauspiel im Kerzenschein

Noch zwei Abende führen die DarstellerInnen das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit der Frage nach Freiheit auf. Gesprochen wird größtenteils auf Deutsch, immer wieder ergänzt von Passagen auf Arabisch. Untertitel sind durchgehend auf Englisch. Das persönliche Ambiente des Stücks fängt auch die Lokalität im ehemaligen Stummfilmkino Delphi toll ein. Großräumig, aber durch Kerzenschein und kleinen Tischgruppen gleichzeitig gemütlich. Ein Besuch lohnt sich dadurch in jedem Fall.

 

„FREIHEIT“ | 13./14./15. April 2018 | 20 Uhr | Ehemaliges Stummfilmkino Delphi | Gustav-Adolf-Straße 2 | Eintritt 13/8/5 Euro

Die Veranstaltung auf Facebook: https://www.facebook.com/events/369441753533011/

Außer FREIHEIT gab es in der letzten Woche folgende Themen…

Jens Jessen von der Zeit fühlt sich bedroht. Und zwar von einem totalitären Feminismus. Hier Leonies Kommentar.

Vanessa und Laura waren in einer Ausstellung. Ein Spiel mit Realität und Fiktion. Mehr hier.

Und in der letzten Sneak: The King

Du hast Lust auf mehr vom ZurQuelle Magazin? Wir freuen uns auf dich bei FacebookTwitter und Instagram.

Und am tollsten wäre es, wenn du ein Abo abschließen würdest. Nirgendwo sind wir so schön wie im Print.