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von und für Zaubernde

In der Serie „The Handmaid’s Tale“ erleben wir eine Gesellschaft, in der Frauen entmenschlicht wurden. Wir müssen sie als Kommentar auf Trump, AfD und Co. verstehen.

“A Priest, a doctor, a gay man. I think I heard the joke before. This wasn’t the punchline”, sagt Protagonistin Offred aus dem Off, als sie an drei aufgehängten Leichen vorbeigeht. Die Serie “The Handmaid’s Tale” beschreibt ein totalitäres Regime in den USA.  Der Stoff erscheint heute aktueller als vor über 30 Jahren, als die Romanvorlage erschien.

Die Feuilletons und Sozialwissenschaftler dieser Welt haben es vorhergesagt. Die Ära Trump würde die Gesellschaft wieder politisieren. Im Protest vereinen. Um das Schlimmste zu verhindern. Auch Kultur und Medien sind hiervon berührt. Die Serie “The Handmaid’s Tale“ des US-Streaminganbieters Hulu erscheint wie eine Warnung vor dem drohenden Niedergang der amerikanischen Gesellschaft. Sie warnt vor Sexismus, vor Faschismus und vor religiösem Fundamentalismus.

Das Essen im Supermarkt ist bio, grau-bräunlich und nicht allzu abwechslungsreich.

Ein faschistisches „Grüß Gott“

Die Begrüßungs- und Höflichkeitsformeln der neuen theokratischen Gesellschaftsordnung übertrumpfen das fromme “Grüß Gott” der Bayern. „Blessed be the fruit“ heißt es etwa zur Begrüßung. Das ist eine biblische Anspielung, die auch das Thema der Serie auf den Punkt bringt: Frauen werden in der neuen Gesellschaft zu Gebärmaschinen degradiert. Sie sind Pflanzen, deren Früchte es zu ernten gilt, um die Zukunft zu sichern. Aber Mutterkreuze gibt es für sie nicht.

Die Umweltverschmutzung hat dazu geführt, dass der Großteil der Menschheit unfruchtbar geworden ist. Die High Society der Gesellschaft bekommt deswegen sogenannte „Handmaids“ zugeteilt, Mägde. Die ziehen in wunderschönen roten Roben durch die Straßen. Sie halten den Kopf keusch gesenkt und tragen weiße Hauben, die gleichzeitig als Scheuklappen fungieren. Diese Handmaids sind die letzten fruchtbaren Frauen. Sie werden einmal im Monat von ihrem „Commander“, dem Hausherrn, rituell vergewaltigt, um der Familie Nachkommen zu schaffen.

Der Commander ist fertig, das Ritual vollzogen.
Der Commander ist fertig, das Ritual vollzogen.

Natürlich wird diese Vergewaltigung so nicht genannt. „The Ritual“, heißt es. Den Handmaids wird vorgegeben, dass sie stolz sein dürften auf ihre Position, ihre Fähigkeit, ihre Bedeutung. Frauenverachtung wird umetikettiert zu Bewunderung. Bei einem groß angelegten Handmaid-Treffen wird den entrechteten Frauen einmal ein (vermeintlicher?) Vergewaltiger vorgesetzt.

Die sonst so selbstbeherrschten Frauen haben das Recht, über diesen Todsünder zu richten. Gemeinschaftlich schlagen sie ihn tot. Denn wenn die Geschlechts- und Reproduktionsorgane von Frauen anderen gehören, und eine ganze Gesellschaftsordnung auf dieser Annahme basiert, gibt es kein größeres Verbrechen als eine „illegitime“ Vergewaltigung. Und den Frauen wird gleichzeitig erklärt, dass man damit ihre Rechte schützen wolle.

Wer ist Offred?

1985 hat Margaret Atwood den gleichnamigen Roman über die Handmaid Offred veröffentlicht. Die wird in der Serie von Elisabeth Moss gespielt, die bereits in Mad Men eine Frau gespielt hat, die sich still aber beharrlich in einer chauvinistischen Männerwelt behaupten wollte. Damals im Werbebusiness der amerikanischen 60er.

Offred ist nicht ihr richtiger Name, sondern derjenige, den das Regime ihr zugeteilt hat. Fred ist ihr Commander, sie ist „Of Fred“. Ihren richtigen Namen kennen wir, doch taucht er selten auf, meistens in Rückblenden in die alte Zeit, bevor das Regime die Macht übernommen hat. Jedes Mal staunt man. So sehr hat man sich an „Offred“ gewohnt, dass der richtige Name fast falsch klingt. Hier spielen die Macher damit, wie leicht sie das Publikum beeinflussen können. Der erste Impuls des Zuschauers ist es, sich angewidert zu vergewissern: „Sowas könnte hier nie geschehen“. Und dann vergisst man über den Verlauf einer Folge doch wieder, wie die Protagonistin heißt.

Die Handmaid’s haben sich großteils mit ihrem Schicksal abgefunden. Im Hintergrund baumelt die Leiche eines Menschen, auf den das nicht zutrifft.

„The Handmaid’s Tale“ könnte auch unsere Geschichte sein

Die Serie liegt nicht fern dessen, was heutzutage in der Welt geschieht. Nicht nur in den entfernten Gegenden, von denen wir wenig mitbekommen, weil die Menschen dort nicht aussehen oder aufgewachsen sind wie wir. Kürzlich hat Präsident Trump NGOs, die für Entwicklungspolitik stehen, die Mittel gekürzt, falls sie Familienplanung unterstützen. Sprich: Verhütung und Abtreibungen. Die „Pro Life“-Bewegung in den USA ist unter Konservativen eine fest etablierte Größe, mit der sich die Politik ungerne offen anlegt. Pro Lifer, so nett das Label klingt, sind Menschen, die, meistens aus religiösen Gründen, Frauen das Recht verwehren möchten, über das Kinderkriegen selbst zu bestimmen. Hardliner lehnen sogar Abtreibungen von Embryos ab, die in Folge von Vergewaltigungen entstanden sind.

Auch in Europa ist das Recht auf eine selbstbestimmte Familienplanung nicht unumstritten. Erst 1974 wurden Abtreibungen in Deutschland straffrei möglich. Zuvor hatten christliche Regierungen dies stets verhindert. Schon in der Weimarer Republik war es SPD und KPD trotz wiederholter Versuche nicht gelungen, eine Mehrheit hierfür zu finden. Dafür brauchte es dann eine sozialliberale Koalition, die der Frau durch die Neuregelung “Eigenverantwortung” und mehr Gleichberechtigung zugestehen wollte. “Eigenverantwortung”: Als lasse man ein Kind großzügig selbst entscheiden, ob es mit seinen zwei Mark Taschengeld lieber eine gemischte Tüte oder ein Eis kaufen möchte.

Gegen eben diese Straffreiheit von Abtreibungen gehen regelmäßig tausende Menschen protestieren. Der “Marsch für das Leben” wird unterstützt von der katholischen Kirche, in Teilen von der evangelischen und hat prominente Befürworter wie den Unions-Fraktionsführer Volker Kauder oder Beatrix von Storch, das Schreckgespenst von der AfD.

Bis 2006 noch nannte sich der Marsch “1000 Kreuze für das Leben” – hier gehen also Politik und Religion ein Bündnis ein. Rechtsextreme sprechen auf einer Bühne mit Kirchenvertretern und Konservativen. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was geschähe, wenn die katholische Kirche in Deutschland ein breiteres Fundament besäße.

Viele kluge Filme, die wir zufällig im Kino gesehen haben.

Ein Blick nach Osten lässt erschaudern

Wenn man trotzdem eine Vorstellung haben möchte, braucht man dafür nur nach Polen zu blicken. Hier lag dem Parlament letztes Jahr ein Gesetz zur Abstimmung vor, das, von der konservativ-christlichen Regierungspartei unterstützt, Abtreibungen auch im Fall von Vergewaltigung oder Inzest verboten hätte. Es scheiterte, weil das Parlament, von den lauten Protesten der Bevölkerung zur Vernunft gebracht wurde und mit großer Mehrheit dagegen stimmte. Seitdem hat die polnische Regierung den Staat jedoch anderweitig gen Alleinherrschaft verändert. So wurde etwa das Verfassungsgericht in seiner Macht beschränkt und die Rechte von Medien beschnitten. Erst Anfang Mai sind dagegen 12.000 Menschen auf die Straße gegangen.

Mit Trumps Entscheidung, den NGOs die Mittel zu kürzen, tat er genau das, was die Kassandras dieser Tage befürchtet hatten: Ein misogyner, sexistischer Mann kann viel Unheil über Frauen bringen. Da hilft es auch nicht viel, wenn Frauen rosa Mützen tragen oder Pussys vereinzelt back grabben.

Dass Trump und seine rechtspopulistischen Freunde in Europa auch gegenüber Homosexuellen nicht besonders liberal eingestellt sind, verwundert da kaum. Während mehrere US-Bundesstaaten die gleichberechtigte Eheschließung für homosexuelle Menschen ermöglicht haben, macht Trump keinen Hehl daraus, dass er das ablehnt. Genauso übrigens wie Angela Merkel – und ein Großteil der CDU, von CSU und AfD ganz zu schweigen.  Im Osten Europas werden derweil Schwule auf offener Straße verprügelt. Auch in der EU, wohlgemerkt.

In „The Handmaid’s Tale“ geht es allen an den Kragen, die sich nicht vermehren wollen – oder können

In der Welt von „The Handmaid’s“ Tale“ gibt es keine Homosexuellen mehr. Es gibt „Gender Traitors“, Menschen, die nicht ihrer biologischen Bestimmung folgen.Eine unfruchtbare Lesbe wird ermordet. Kann sie hingegen Kinder kriegen, muss sie dennoch als Handmaid der Familie eines Commanders dienen. Als die lesbische Beziehung einer Handmaid auffliegt, wird sie besonders bestraft: „You won’t want, what you can’t have“, heißt es, nachdem Vertreter des Regimes ihre Freundin erhängt und sie beschnitten hatten.

Die Gendertraitorin Ofglen wird abgeführt. Man wird ihr die Klitoris herausschneiden, ihre Freundin wird erhängt.

Margaret Atwood nennt ihr Literatur-Genre „Speculative Fiction“. Weil sie Szenarien erfindet, die unsere Realität nur geringfügig verändern. Das soll heißen: Es bedürfte nicht viel, um die Gesellschaft aus „The Handmaid’s Tale“ real werden zu lassen.

Ein paar Trashfilm-Rezensionen?

Es könnte jederzeit zu spät sein

In einer Szene stehen sich nach der Machtübernahme der Theokraten liberale Demonstranten und schwer gerüstete Polizisten gegenüber. Die Szene erinnert an Fernsehbilder aus Frankreichs Armenvierteln oder von Black-Lives-Matter Demonstrationen. In der Serie fangen die Polizisten bald an, in die Menge zu schießen. Für Protest ist es zu spät.

Dass das Buch nach über 25 Jahren so prominent verfilmt wurde, ist als ein gruseliges Omen zu verstehen. Ein Statement des liberalen Kulturbetriebs der USA. Die Serie will eine Warnung an Frauen sein, vor allem an Konservative: Ihr könnt Abtreibungen, Frauenquoten und die Gleichstellung von Homosexuellen schon ablehnen. Aber zu welchem Preis? Wisst ihr wirklich, welche Welt hinter den Vorstellungen eines Donald Trumps oder einer Marie Le Pen lauert? Da gibt es nicht mehr Freiheit, weder für euch, noch für andere. Das einzige, was ihr erreichen werdet, ist die Entmenschlichung einer ganzen Gesellschaft. Die Protagonistin heißt übrigens June.

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