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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Bock auf Reisen, aber das Bafög reicht nicht? Kein Ding! Andrea Diener macht das für dich. Auch an die Orte, an die du dich nicht erinnern willst. ZurQuelle im Gespräch mit Andrea Diener übers Reisen „Ab vom Schuss“.

Dort, wo der Tinderradius auf 161 km steht und Busse höchstens täglich fahren, ist der Ort, den man niemals meint, wenn man vom Reisen spricht. Dieser Ort ist überall, ob in der Mongolei, Burundi, Slowenien und ja, du Großstadtaffe, auch in Brandenburg. Lachen kannst du aber auch, weil die Provinz genauso vor deiner Tür liegen kann. Und Provinz ist eben nicht das Schwelgen in schönen, fast menschenlosen Landschaften, sondern das Leben darin.

Und weil ihr niemals dorthin reisen würdet, haben wir für euch mit Andrea Diener gesprochen. Sie reist nämlich wirklich gerne und schreibt ihre Erlebnisse so auf, als wäre man dabei. Sie ist, wie die Banausen:innen es nennen würden, Urlaubsjournalist:in bei der FAZ. Und gerne reisen heißt dann nicht Strandurlaub oder Interrail, sondern auch dorthin zu gehen, wo nichts los ist und Geschichten zu finden, die kein Provinzführer erzählt. Andrea hat genau hingeschaut und festgestellt, dass eigentlich immer irgendwas los ist.

In ihrem neuen Buch „Ab vom Schuss – Reisen in die internationale Provinz“ (Rowohlt Verlag) sammelt sie dreizehn Geschichten, die voller Liebe und noch mehr Hass sind. Wir lieben das, weil es nicht nur witzig ist, sondern es sich beim Lesen anfühlt, als wäre man dabei, würde alles sehen, lieben, hassen, was Andrea sieht, liebt, hasst. Für die Phantasieblinden gibt es aber auch entzückende Bilder zu glotzen.

Slowenien „Kolovrat“ Foto Andrea Diener
Das hier zum Beispiel: Ganz oben auf dem „Kolovrat“ in Slowenien blickt man über die Grenze zu Italien ins Adriatische Meer. Nach Kroatioen ist es auch nicht mehr weit. Kultureinflüsse hin oder her, dort oben versteht man wirklich, warum auf slowenischen Speisekarten Wildgulasch, Tintenfischrisotto und Cevapcici gleichberechtigt mit lokalen Gerichten steht. Nach 1243 bestiegenen Höhenmetern möchte man alles essen!  Foto: Andrea Diener

 

zQ: Andrea, wie viel geiler ist es, beruflich zu Reisen und zu fotografieren als zu studieren?

Andrea Diener: Ich weiß nicht genau, aber ich stelle es mir viel, viel anstrengender vor als bei mir damals. Wir konnten ja echt noch machen, was wir wollten, solange wir wollten. Mir und meiner Neugier kam das sehr entgegen. Das Reisen und Fotografieren und Schreiben womöglich noch mehr. Man muß sich seine Themen ja selbst suchen, seine Thesen und seine Bilder. Ich habe da sehr viel Freiheit. Man muss damit klarkommen, aber ich mag es.

zQ: In deinem Buch beschreibst du Reisen an Orte, die man in schmucken Neckermann-Reisekatalogen nicht findet. Haben deine Reisen deinen Blick auf Provinzen und so etwas wie einen Traumurlaub verändert?

Andrea: Ich habe das Konzept Urlaub lange nicht verstanden. Nach anderthalb Tagen am Strand langweile ich mich zu Tode, ich muss dann herumlaufen und die Gegend anschauen und Fotos machen. Üblicherweise fahre ich, wohin es mich treibt, ich lasse mich einladen oder besuche jemanden. Das sind dann nicht immer die schönsten Traumorte der Welt, aber sie sind interessant, weil da nicht nur Hotelangestellte leben. Vielleicht haben mich die Alpenurlaube meiner Kindheit mit ihren Hoteldörfern auch nachhaltig traumatisiert.

zQ: Wir lieben deinen Hass, aber du bist auch fair. Du versuchst immer gute Sidestorys zu finden und zauberst dich dafür auch mal weg von der Reisegruppe noch tiefer in die Provinz. Warum?!

Andrea: Ja, da geht es um Brüche. Um das Schlechte im Guten und um das Gute im eher, naja, sagen wir im Enttäuschenden. Richtig schlecht ist ja selten etwas. Man arbeitet dann auch oft gegen seine Gruppenleiter an, die immer bemüht sind, einem Glattes und Vorformatiertes zu liefern. Oft ist das nett, aber richtige Geschichten findet man da nicht. Also muß man mitten in China ausbüxen, die offizielle Tai-Chi-Demonstration schwänzen und eben June über den Weg laufen. Die hat mir Sachen erzählt, die ich von den Offiziellen so nicht gehört habe. Ich kann nur das aufschreiben, was ich sehe und wie ich das, nach sorgfältigem Abwägen, einschätze.

zQ: Wie wär’s dann mit dem Dschungelcamp 2018?

Andrea: Alter. Niemals. Und nicht wegen der Kakerlaken, die sind mir egal.

Tropical Island Notausgang Foto: Andrea Diener
Über das Tropical Island in Brandenburg gibt es nun wirklich nichts Gutes zu sagen. Und das Bild zeigt alles, was man wissen muss. Foto: Andrea Diener

zQ: Apropos Kakerlaken, zur selben Paradieskategorie zählt das Tropical Island. Wie viel muss man eigentlich gereist sein, um für die brandenburgische Kapitalismushölle eine Literaturreise nach Indonesien abzusagen?

Andrea: Die Sache ist ja die: Über die Gegenden, die man am Merkwürdigsten, am Herausfordernsten, am Stressigsten findet, über die schreibt man hinterher die besten Geschichten. Das ist die Sache mit der Komfortzone, die man verlassen muss. In Tropical Island war ich definitiv außerhalb meiner Komfortzone, es hat mich körperlich herausgefordert mit dem Lärm und der Künstlichkeit und dieser Glasglocke über allem. Ich verstehe nicht, dass sich Leute da entspannen können. Mich hat es fertig gemacht, wie mich noch keine wimmelnde, laute, asiatische Metropole mit hundert Prozent Luftfeuchtigkeit und Jetlag fertiggemacht hat. Es ist die Hölle. Aber eben eine sehr interessante Hölle.

zQ: Und was ist das Ekelhafteste, das du auf Reisen erlebt hast?

Andrea: Chinesische Toiletten. Es stinkt, es ist widerlich, irgendwas lebt dort und wenn man Pech hat, gibt es nicht einmal Trennwände. Wirklich. Dann lieber Busch.

zQ: Ein enges Lebensumfeld, kaum zu bändigende Natur und nichts auf die Metropole geben: Klingt nach der geistigen Haltung von Hipstern. Wann erlebst du Provinz im Alltag?

Andrea: Ja, nee, Moment! Eine der Arbeitsthesen des Buches ist ja: Provinz ist da, wo Landlust aufhört. Es gibt eben einen Unterschied zwischen der Projektionsfläche für Städterträume vom Grünen und der realexistierenden Ödnis der Provinz. Die findet man übrigens schon da, wo es keinen Speckgürtel gibt und kein idyllisches Land mit Ausflugsqualitäten. Irgendwo hinter Offenbach fängt das schon an. Und da verschlägt es einen mitunter schon mal hin, weil da Freunde wohnen oder jemand, dem man was auf Ebay abgekauft hat. Dann fährt man da durch, denkt sich: Das ist eigentlich gleich um die Ecke, aber ich war hier noch nie und wie um Himmels willen komme ich hier wieder raus? Die Provinz ist meistens sehr nah, wenn man einen Blick dafür hat.

Andrea Diener Foto: Frank Röth
Schaut, wie schön: Andrea Diener ist FAZ-Radakteurin, Tsundoku Literaturpodcaster:in und stutzt in Fantasyschlössern vermutlich tagelang Bonsai-Bäumchen.
Foto: Frank Röth

zQ: In welcher literarischen Welt würdest du dann gerne leben?

Andrea: Boah, das ist schwierig. Den größten Teil der Vergangenheit kann man ja leider nur als Mann bewohnen, sonst wird es sofort unangenehm rechtslos für einen, man darf nicht alleine aus dem Haus und wird an alte, reiche Säcke verheiratet. Sehr unangenehm. Da geht dann höchstens noch so eine Fantasy-Vergangenheit. Gormenghast oder so. Doch, ich glaube, das könnte mich gut unterhalten. Ich würde mir ein seltsames Hobby suchen und meinen Teil des Schlosses bewohnen. Vielleicht würde ich gärtnern. Und irgendetwas sehr empfindliches züchten, was meine volle Aufmerksamkeit verlangt.

zQ: Wohin reist jemand, der beruflich so viel unterwegs ist wie du?

Andrea: Was sich ergibt. Letztes Jahr Besuch in Amerika, vorletztes Jahr fotografieren in Japan, das war sogar richtig geplant. Dieses Jahr weiß ichs noch nicht. Im Frühjahr will ich auf jeden Fall eine Woche auf der griechischen Insel verbringen, an der ich im Herbst mehr nur so vorbeigesegelt bin. Da ist es warm, das Essen ist gut und Griechenland gebe ich mein Geld gerade lieber als der Türkei, auch wenn ich Istanbul sehr vermisse.

zQ: Auf deinen Reisen machst du Fotografien, die manchmal wie für Hochglanzmagazine gemacht sind und dann wieder andere, die sehr dokumentarisch wirken. Welchen Anspruch hast du an deine Bilder?

Andrea: Prinzipiell sind die Fotos alle dokumentarisch, und wenn es nach Hochglanz aussieht, dann deshalb, weil es da vor Ort eben genau so aussah. Normalerweise bemühe ich mich, Brüche in die Bilder zu bringen. Ich mag es nicht, wenn alles nach Katalog aussieht, dafür gibt es Katalogfotografen und Kataloge. Ich fotografiere mit einem 50-Milimeter-Objektiv, das ist die Brennweite, die dem menschlichen Blick am ähnlichsten ist. Meine Kamera guckt genauso wie ich und nimmt das Gleiche wahr, ohne Weitwinkel, Zoom, Tricks und Effekte. Für jede Reise erstelle ich am Ende einen Ordner mit den besten Bildern, die die Geschichte dieser Reise noch einmal erzählen. Und da kommt alles drauf, was mir wichtig ist. Nicht nur Landschaften und Portraits, sondern alles.

„Nong Khai“ (Mekong) Foto Andrea Diener
Andreas allerliebstes Lieblingsbild ist das vom „Nong Khai“ am Mekong. Es ist ein riesiger Markt, auf dem man sich bei bunten Sahnetörtchen, Früchtchen und neuen iPhone-Hüllen die Zehe einsalben lassen kann. „Wir sind uns alle halt doch verdammt ähnlich“, sagt Andrea und mit einem Mops auf dem Bild, kann man auch nichts falsch machen. Foto: Andrea Diener

zQ: Was können wir von den Orten lernen, an die niemand gehen möchte?

Andrea: Mal bisschen auf diese ständige Bedeutungshuberei zu verzichten vielleicht. Macht Euch halt mal locker, ihr Hauptstadtbewohner! In der Metropole zu wohnen ist echt noch keine Lebensleistung.

zQ: Dein Debüt im Reisejournalismus, Ideen zu deinem Buch und die ZurQuelle – Klar, alle guten Geschichten beginnen in Kneipen. Wohin führt dich deine nächste Schnapsidee?

Andrea: Du wirst lachen, aber da es in Marokko wohl eher alkoholfrei zugeht (im März geht es nach Tanger) wirds wohl ein Wiener Beisl (A.d.R.: kleines lokales Gasthaus). Dort besuche ich im April gute, alte Freunde. Ich bin mir sicher, das wir in unterschiedlichsten Gruppierungen mehrfach schlimm versacken werden.

Bild der Bar in Mekong „Stern“ Foto Andrea Diener
Am Ende wird aus dem Kommunismusstern, doch Heineken, das keiner trinkt, weil Beerlao am Mekong viel geiler schmeckt. Und weil wir wissen, wie Kreativität schmeckt: Prost! Foto: Andrea Diener