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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Saman Sebastian Hamdi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kulturen romanischer Länder an der Universität Potsdam. Dort unterrichtet er seit 2014. In Veranstaltungen wie etwa »Each One Teach One! Emanzipation und Bildungspotentiale der Hip-Hop-Kultur« drückt sich sein praxisorientierter Ansatz aus. Neben seinem akademischem Fokus auf Kultur, sozialen Bewegungen und alternativer Pädagogik unterstützt er auch privat als Breakdancer Kulturprojekte mit Geflüchteten.

Was bedeutet das Tanzen für dich?

Ich tanze schon seit meiner Jugend »Breaking«. Ich denke, dass dies, wie die anderen Hip-Hop-Elemente auch, ein Medium ist, welches Grenzen überwinden kann. Die Breaking-Szene und diverse Reisen haben mir gezeigt, dass alle konstruierten Differenzen im Tanz überwunden werden können und keine Rolle mehr spielen. Diese Idee versuche ich auch in meinen Seminaren und Workshops zu vermitteln.

Was macht Hip-Hop deiner Meinung nach besonders?

Mein Vater war Kurde aus dem Irak und Teil des kurdischen Widerstands gegen Saddam. Meine Mutter ist Deutsche. Mir wurde früh klar, dass nationalstaatliche Grenzen und ethnische Differenzen künstlich sind und nichts mit dem eigentlichen Menschen zu tun haben. Das war auch einer der Gründe, die mich zum Hip-Hop brachten.

An welchen praktischen Projekten arbeitest du gerade?

Im Moment arbeite ich an einem Projekt, das ich vor drei Jahren mit meiner Gruppe »Flowjob« ins Leben gerufen habe. Dabei geht es vor allem um die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen, etwa aus Syrien oder Serbien, die gemeinsam mit deutschen Kindern in einer Tanzcrew zusammengeführt werden. Es ist schön zu sehen, wie die Kids durch das Spie lerische zusammenwachsen und eine Gemeinschaft bilden. Nach und nach überwinden sie dabei kulturelle Grenzen – ein Modell im Kleinen, welches meiner Meinung nach auf andere Kontexte und die Gesellschaft übertragbar ist.

Gab es besonders einschneidende Momente in diesen Workshops?

Besonders einschneidend ist hierbei die ständige Androhung und Durchführung von Abschiebungen unserer Schülerinnen. Der kleine Vule aus Serbien etwa ist sieben Jahre alt, breakt wie ein Weltmeister und kriegt am laufenden Band Heiratsanträge. Da er und seine Familie, aus einem sogenannten »sicheren Herkunftsstaat« kommen, sollen sie wieder zurückgeschickt werden. Also haben alle Kids der Tanzcrew Briefe an die Härtefallkommission verfasst und darin ihre Freundschaft zu Vule beschrieben. Damit haben wir ein Ja der Kommission zum Bleiberecht erreicht. Der Landesinnenminister will die Familie trotzdem abschieben. Diese institutionalisierte Ungerechtigkeit bereitet Kopfschmerzen und Trauer, aber wir kämpfen weiter dafür, dass unsere Freunde bleiben können.

Wo siehst du die Verbindung zwischen Gangsta-Rap und Politik?

Kultur und Politik sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Ein Nachdenken über Kultur, ohne die großen Machtzusammenhänge mitzudenken, macht keinen Sinn. Kulturwissenschaften sollten sich immer damit befassen. Hip-Hop zum Beispiel entwickelte sich aus einer krassen Unterdrückung heraus. So kam es zu einer emanzipierten, kollektiven Kulturpraxis, die eine neue Identität schaffte und Selbstbestimmung erreichte. Natürlich hat eindimensionaler Gangsta-Rap, der zu einem Großteil rassistische und sexistische Klischees bedient, damit nicht mehr viel zu tun.

Tanz kann Grenzen überwinden

Hast du eine soziale »Lieblings-«Bewegung?

In meiner Masterarbeit habe ich mich intensiv mit »Occupy Wall Street« auseinandergesetzt. Dass Menschen der starken Isolation des Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft entgegenwirken, hat mich an den gesamten Platzbesetzungsbewegungen besonders inspiriert. Durch das Aufeinandertreffen so vieler Leute entsteht ein gegenseitiger Austausch, eine konstante Selbstreflexion und im Idealfall eine neue Gesellschaftspraxis.

Kann eine soziale Bewegung wirklich einen Unterschied machen?

Auf jeden Fall. Viele soziale Bewegungen konnten ihren Einfluss unter Beweis stellen. So wie etwa das Projekt »Rolling Jubilee« gezeigt hat, bei dem Schuldenpakete für einen Bruchteil der Schuldensumme aufgekauft und annulliert werden. Eine andere wichtige soziale Bewegung ist die griechische »Solidarity for all«-Bewegung, die 40 Solidarkrankenhäuser errichtete. Dass wir ein Wochenende, Renten, gesetzliche Krankenversicherung und so weiter haben, ist auch nur den sozialen Kämpfen früherer sozialer Bewegungen zu verdanken.

Du bist sehr praxisorientiert. Ist dir die Uni zu theoretisch?

Theorieorientierung ist gut und sinnvoll, solange der Praxisbezug gegeben ist. Ich glaube, dass gerade das Wissen aus kritischer Geisteswissenschaft mehr in die Außenwelt getragen werden sollte und andersherum. Davon profitieren dann im Endeffekt alle.

Wie könnte das dann in der Praxis aussehen?

Im Sommersemester biete ich ein Forschungsseminar an, dass sich aktiv mit Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekten von, mit und für Geflüchtete beschäftigt. Die Studierenden bekommen so die Möglichkeit, sich eigenverantwortlich mit einer besonderen Form kultureller Inklusionspraxis auseinanderzusetzen: dem Erkenntnisakt, dem Nachdenken, dem Vorausdenken, dem Probehandeln.