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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Wer sich nicht für Menschen interessiert, ist fehl am Platz.

Professor Peter Brandt ist Leiter des interdisziplinären Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften, Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der Fernuni Hagen. (emerit.) Außerdem ist er der Sohn des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt.

 

Was ist Ihre Lieblingsfigur aus der Geschichte?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Eine andere spannende Figur ist Harro Harring. Der hat Mitte des 19. Jahrhunderts in der ersten norwegischen Arbeiterbewegung mitgewirkt, war in Griechenland im Freiheitskampf und auch in Südamerika war er zugange – eine Art Freibeuter der Revolution.

 

Kennen Sie Loona?

Ich weiß eigentlich nicht, wer das ist, aber Bailando habe ich gehört. Es ist nun nicht so, als könnte ich nur die hohe Kunst schätzen, aber damit kann ich nichts anfangen.

 

Woher kommt Ihre Faszination für die Geschichte im Allgemeinen und die Arbeiterbewegung im Besonderen?

Das hat sicher einen familiären Hintergrund, denn da habe ich lebendige Schilderungen aus der klassischen Arbeiterbewegung mitbekommen. Außerdem ist das eine der großen Emanzipationsbewegungen der Weltgeschichte. Das Interesse für Geschichte kam auf ganz kindliche Weise zustande. Ich las deutsche Heldensagen und beschäftigte mich viel mit dem Mittelalter. Für echte Historiker wird übrigens fast alles interessant, in das man sich lange genug hineinwühlt. Außerdem: Wer sich in unserem Fach nicht für Menschen interessiert, ist fehl am Platz. Wer nur die Strukturen erforschen will, wird zum Verwalter von Begriffen.

War Politik für Sie mal eine Option?

Ich bin mein Leben lang politisch engagiert gewesen, heute vor allem in der politischen Publizistik. Insofern weise ich die Frage zurück. Aber was Sie wissen wollen: Politik als Beruf. Ich glaube, ich habe beides in mir. Das kontemplative, analytische und auch das aktivistische. Aber mit einem Vater, der Spitzenpolitiker ist, wäre es mir komisch vorgekommen, diesen Weg zu gehen.

Warum die Fernuni?

Nachdem ich mich habilitiert hatte, war die Fernuniversität die erste Uni, die mich nahm. Und dann geht man ja nicht nach einem Jahr wieder weg. Relativ schnell merkte ich aber auch, dass ich mir dieses Reformprojekt zu eigen machen möchte. Dann wollte ich auch nicht mehr weg. Allerdings: Hätte ich einen Ruf nach Harvard gekriegt, hätte ich schon noch mal überlegt.

Wie ist es möglich, an der Fernuni nach Sympathie zu bewerten?

Naja, es ist ja nicht unbedingt wünschenswert, nach Sympathie zu benoten. Aber es ist nicht so, dass man die Leute gar nicht sieht. Es gibt ergänzend zu den schriftlichen Kursen auch semi-obligatorische Präsenzveranstaltungen am Wochenende. Diejenigen, die auf solche Veranstaltungen gehen, schneiden in der Regel auch besser ab.

Ist die Arbeitsbelastung an der Fernuni im Vergleich zur Präsenzuni größer?

Jein. Der Hammer sind die Korrekturen, die es aber an der Präsenzuni auch gibt. Zum Teil machen sich Kollegen aber große Illusionen wie wir arbeiten. Die denken, wir könnten auch an der Südsee sitzen oder so.

Meinen Sie, die Kollegen der Präsenzunis haben weniger Respekt vor den Professoren der Fernuni?

Nein. In Deutschland ist die Kenntnis einzelner Personen wichtiger als die der Uni. Wir haben keine Universitäten, die als Ganzes besser sind als andere. Anders als etwa in den USA, wo manche Universitäten irrsinnig viel Geld haben. Die können natürlich überall auf der Welt wie ein Magnet die Top-Leute rausziehen. Sowas haben wir hier bisher nicht und ich bin gespannt, ob es gelingt, das in diese Richtung zu entwickeln.

Ist das denn erstrebenswert?

Nein, es widerspricht auch ganz unserer Tradition. Aber wenn man die Mittel so verteilt, dass arme und reiche Universitäten entstehen, geht die Tendenz natürlich in diese Richtung.

Sie leiten das Institut für Europäische Verfassungswissenschaften. Wie sehen Sie die Zukunft der Europäischen Union?

Als der Euro eingeführt wurde, habe ich zu den Skeptikern gehört, weil es problematisch ist, eine Währung einzuführen, ohne gleichzeitig eine Wirtschafts- Finanz- und politische Union zu schaffen. Die Hoffnung war, dass es einen Sog gäbe, der dann das andere hinter sich herzieht. Dieser Prozess gelangt nun an einen Punkt, der eine Entscheidung verlangt: Soll Europa wie bisher ein Transmissionsring der Entfesselung des Marktkapitalismus sein? Oder soll es ein Schutz- und Gestaltungsraum sein? Die Nationalstaaten, die man auch als Reichtum Europas sehen kann, werden nicht einfach verschwinden wie der Zucker im Kaffee. Aber sie werden Souveränität abgeben müssen, damit wir unser Zivilisationsmodell mit Demokratie und Sozialstaat bewahren und weiterentwickeln können. Aber das Problem wird sein, das in eine Beziehung zu bringen. Wir brauchen eine EU, die so demokratisch ist wie die Nationalstaaten es jetzt sind.

Hat Nation nicht auch immer etwas protektionistisch Egoistisches?

Ich unterscheide zwischen dem souveränen Nationalstaat und der Nation als Kommunikations- und Bewusstseinsgemeinschaft.

Kann denn die EU existieren, ohne dass es das auf gleichberechtigter Basis auf EU-Ebene gibt?

Skeptiker sagen, es könne weder auf »ethnisch-kultureller« noch auf politischer Basis ein Europäisches Volk geben. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass man ein Europäisches Volk zunächst mal begrifflich konstruiert. Nicht ausschließen würde ich aber, dass man eines Tages einen quaisrevolutionären Akt, eine Durchbrechung der Legalität vollzieht. So wie das in den USA auch war: Irgendwann wurde ein Kongress einberufen, und fast handstreichartig die USA gegründet: »We the People of the United States«. Aber dafür braucht es politischen Willen.

Ganz emotional: Fänden Sie es gut?

Ja, ich will Europa. Aber ich habe auch ein positives Verhältnis zu Deutschland. Von mir aus auch einen Europäischen Bundesstaat. Aber man muss die Menschen mitnehmen, damit die Leute Europa nicht mehr nur mit Marktradikalismus, der Aufhebung von Regulierungen und abgehobenen Bürokraten in Brüssel identifizieren.

Interview: Robert Hofmann